Jugendhilfeträger sorgt sich um die Hilfen zur Erziehung

Abgelegt unter: Soziales |





M. Holland (l.),J. Sellge: unbesetzter Stuhl symbolisiert Fachkräftemangel
 

Während in der Öffentlichkeit der höchste Stand der in Pflegefamilien untergebrachten Kinder oder der Höchststand an Kindeswohlgefährdungen in diesem Jahr bekannt geworden sind, rücke innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe allenfalls der hohe Fachkräftebedarf in den Kindertageseinrichtungen in den Fokus der Aufmerksamkeit. „Der Bedarf in den Hilfen zur Erziehung schafft es hingegen nicht in die Schlagzeilen“, hat Holland bemerkt, der auch die Pädagogische Leitung innehat.
Mit Hilfen zur Erziehung sind ambulante, teilstationäre und stationäre Erziehungshilfen gemeint. Sie reichen von zum Beispiel der Erziehungsberatung und sozialpädagogischen Familienhilfe über die Betreuung von Kindern in einer Tagesgruppe bis hin zu Pflegefamilien, Heimen und betreutem Wohnen.

Mehr Jugendhilfenutzer – weniger pädagogische Fachkräfte
Das Problem sei – so der dreifache Familienvater -, dass die Zahl der „Jugendhilfenutzer“ in einem Maße steige, in dem die Gewinnung pädagogischer Fachkräfte nicht mithalten könne. Er belegt es unter anderem mit den für Kinder- und Jugendliche gestiegenen Ausgaben von Bund, Ländern und Kommunen sowie dem Rückgang der Bevölkerung im Erwerbsalter. Dem gegenüber stehe der gewachsene Bedarf an pädagogischen Fachkräften, deren Anzahl gemäß dem Kinder- und Jugendhilfereport 2018 von 2006/2007 bis 2016/2017 um 67.000 Fachkräfte gestiegen ist. Und ein Ende sei unabsehbar, wenn man an den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz denke oder an die Personalnachfrage im Rahmen der Eingliederungshilfe.

Ein harter Schritt – die Schließung einer Wohngruppe
Diese Situation stelle auf eine kaum wahrnehmbare, langfristig aber sehr wirkungsmächtige Weise die Zukunft der Hilfen zur Erziehung in Frage, beschreibt Sellge besorgt, „denn ohne pädagogische Fachkräfte keine pädagogischen Dienste.“ Den Rückbau der Angebote habe MUTABOR – aber auch andere Träger – leider schon zu spüren bekommen. So hätten sie eine Wohngruppe schließen müssen, weil sich keine Fachkräfte auf die ausgeschriebenen Stellen beworben hätten. Für die zuvor dort lebenden fünf Kinder konnte mit Hilfe der zuständigen Jugendämter eine anderweitige Unterbringung gefunden werden. Die in der Wohngruppe Beschäftigten hätten andere Arbeitsangebote erhalten. Das Domizil im Stadtteil Käsberg wurde aufgegeben. „Das war ein für alle Betroffenen harter Schritt“, fasst der dreifache Vater und zweifache Opa zusammen.
Hilfen zur Erziehung gefährdet – aber mehr Fachkenntnis verlangt
Nicht nur Wohngruppen seien gefährdet, befürchten die Geschäftsführer. Auch das bisherige Wachstum an Pflegefamilien als Form der Fremdunterbringung wird nach ihrer Einschätzung nur noch einige Jahre andauern. Die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen und das Aussterben der Hausfrauenehe mache es den Jugendämtern schon jetzt schwer, Pflegefamilien in ihrer Stadt zu finden. Deshalb würden sie fallweise gerne auf ländlich gelegene Landkreise zurückgreifen, wo sie eher noch klassische Familienstrukturen und auch Platz vorfänden.
Perspektivisch wäre nicht auszuschließen, dass Jugendämter kindeswohlgefährdende Situationen wegen fehlender Fremdplatzierungsmöglichkeiten nicht mehr beenden könnten. Um vorzubeugen, befürchtet Holland ein Absenken der Fachkraftquoten oder die Inkaufnahme einer schlechteren Personalausstattung. Für ihn ist das ein unverkennbarer Widerspruch, denn „diese Entwicklung steht in starkem Kontrast zu den gestiegenen Ansprüchen an die Arbeit und der Beobachtung vieler Praktiker, dass das Ausmaß an Auffälligkeiten oder erzieherischen Problemen immer weiter zunimmt!“ – Das erfordere erst recht die Kenntnis von Fachkräften.

Politik gefordert – bessere Rahmenbedingungen nötig
„Deshalb fordern wir die Politik auf,“ bekräftigt Sellge, „Rahmenbedingungen zu schaffen, die erstens eine bessere Entlohnung von Fachkräften, zweitens Umschulungen für Quereinsteiger, drittens die Ausweitung von Ausbildungsmöglichkeiten für Erzieher/innen sowie viertens die Berücksichtigung von Auszubildenden im Abrechnungsverfahren zwischen Ämtern und Jugendhilfeträgern vom Beginn der Ausbildung an ermöglichen und die fünftens das Arbeitsfeld „Hilfen zur Erziehung“ attraktiver wirken lassen.“

Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe – was sie auszeichnet
Schließlich gäbe es viele Pluspunkte, die gerade die Arbeit in der Kinder– und Jugendhilfe auszeichne. Da gehe es um Arbeitsplätze mit Sinn und einem großen Angebot an ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern, so dass im Laufe eines Berufslebens auch verschiedene Arbeitsinhalte realisierbar wären. Zudem fänden junge Leute dort – im Vergleich zu vielen anderen Berufen – Arbeitsplatzsicherheit, was heute keine Selbstverständlichkeit mehr sei. Außerdem gäbe es auch gute Karrieremöglichkeiten. Da der Ausbau der Kinder- und Jugendhilfe in den 1970er und 1980er Jahren erfolgte, würden in den kommenden Jahren viele Stellen mit Führungsverantwortung frei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.



Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de