Kölner Stadt-Anzeiger: Germanist Detering attestiert AfD-Führung den „Jargon von Gangstern“

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Der frühere Präsident der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, hat der AfD-Führung den
„Jargon von Gangstern“ vorgeworfen. „Die berechtigte Empörung
beschränkt sich in Deutschland immer wieder auf isolierte sprachliche
Entgleisungen“, sagte der Göttinger Germanist, der in diesem Jahr
Stipendiat des Thomas-Mann-Hauses in Los Angeles war, dem „Kölner
Stadt-Anzeiger“ (Freitag-Ausgabe). Stattdessen müsste es darum gehen,
„die ideologischen Denkmuster zu rekonstruieren, aus denen die
vermeintlichen Entgleisungen folgerichtig und präzise hervorgehen“.
Als Beispiel verwies Detering auf eine Wahlkampfrede des
AfD-Co-Vorsitzenden Alexander Gauland aus dem Jahr 2017 mit der
Aussage, die damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung,
Aydan Özoguz (SPD), nach Anatolien zu „entsorgen“. Im Kontext lasse
Gauland „eine Vernichtungsphantasie auf diesen Punkt zulaufen. Die
Gewaltforderung stellt sich ein, ohne dass sie ausgesprochen werden
müsste“. Dass Zuhörer bei AfD-Kundgebungen in Sprechchören die
„Volksverräter“ erledigen wollten, zeige, wie genau sie verstanden
werde. „Nicht die einzelne Vokabel, sondern das Narrativ folgt dem
Jargon von Gangstern, die es ihrem Opfer erst richtig zeigen, es dann
erledigen und schließlich –entsorgen–.“ Gauland sei ein Virtuose der
Zweideutigkeit, so Detering weiter. „Er will nichts gesagt haben,
aber die Rücknahme ist auf Durchschaubarkeit anlegt. Das Ausmessen
einer rhetorischen Ambivalenz-Zone gehört zum rhetorischen Kalkül.
Das muss man ernstnehmen und sichtbar machen. Sonst gerät man in eine
letztlich wirkungslose Empörungsschleife und verheddert sich im
Gewirr einzelner Wörter und Begriffe.“ Die ständigen Rückgriffe von
AfD-Vertretern auf den Nationalsozialismus seien keine Ausrutscher,
sondern konstitutiv, betonte Detering. „Die AfD muss die NS-Zeit
aufwerten, weil sie nur dann die Kontinuität einer deutschen
Kulturgeschichte behaupten kann. Ein Bruch in dieser homogenen Kultur
kann per Definition niemals von innen gekommen sein. Dem
demokratischen Konsens, dass der Nationalsozialismus einen
beispiellosen Zivilisationsbruch bedeutet, muss die AfD darum
widersprechen.“ Die Ankündigung der Gaulands wie des Thüringer
AfD-Chefs Björn Hecke, man wolle sich „unser Land zurückholen“,
beziehe sich auf ein Deutschland, das am 8. Mai 1945 verloren
gegangen sei. „Das Feindliche und Fremde, das mit diesem Datum vom
Land Besitz ergriffen hat, ist – der demokratische Rechtsstaat, die
offene Gesellschaft“, erläuterte Detering. Der Bezug auf eine
verbindende „Wesensart“, an der alle Deutschen teilhätten und die
sich auswirkte auf Lebensführung, Weltanschauung, Umgangsformen, ist
laut Detering „nicht nur eine reine Fiktion, sondern
gemeingefährlicher Unsinn, weil es am Ende immer auf ein biologisches
Substrat hinausläuft. Also auf rassistische Annahmen“. Was heute als
verbindende Kultur „der Deutschen“ behauptet werden könne, „das
reduziert sich bei genauerer Betrachtung auf die gemeinsame Sprache –
im Grunde auf das, was Frau Özoguz 2017 gesagt und was Gaulands
Hassausbruch veranlasst hat“. https://www.ksta.de/politik/interview-m
it-heinrich-detering–gauland-ist-ein-virtuose-der-zweideutigkeit–31
705288

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Kölner Stadt-Anzeiger
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