Landeszeitung Lüneburg: Arktis droht rücksichtslose Ausbeutung / Greenpeace-Energieexperte Jörg Feddern: Verlierer des Öl-Deals von Exxon und Rosneft ist das Polarmeer

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Es geht ums ganz große Geld. Unter den Eismassen
der Arktis sollen riesige Vorräte an Öl und Gas liegen. Schätze, die
der Klimawandel freilegt. Kaum schmilzt das Eis, beginnt der
Wettlauf. Der staatliche russische Ölkonzern Rosneft und der
US-Gigant ExxonMobil verbündeten sich jetzt. Die britische BP wurde
ausgebootet. Ein Verlierer des Kalten Kriegs im Eis steht laut
Greenpeace-ölexperte Jörg Feddern schon fest: das arktische
ökosystem.

Der russische Ölkonzern Rosneft und der US-Riese Exxon wollen die
Arktis erobern. Lässt Energiehunger die Erinnerung an die „Exxon
Valdez“ und an „Deepwater Horizon“ verblassen?

Jörg Feddern: Auf gar keinen Fall, im Gegenteil: Der Deal rückt
das Problem ins Zentrum. Dabei ist egal, ob Rosneft mit Exxon
kooperiert oder mit BP oder Shell. Die Ölindustrie hat in der Arktis
nichts verloren. Ziel muss es eigentlich sein, die Region vor der
Ausbeutung von Bodenschätzen — allen voran natürlich Öl und Gas —
zu bewahren. Wir haben im Golf von Mexiko gesehen, was bei
Tiefseebohrungen passieren kann. Wir mussten erleben, was ein
Tankerunfall in einer ökologisch so sensiblen Region anrichten kann.
Ein Unfall im arktischen Meer hätte noch weitaus dramatischere Folgen
als das Desaster der „Deepwater Horizon“ im vergangenen Jahr.

Hat die Natur die „Exxon-Valdez“-Katastrophe mittlerweile verdaut?

Feddern: Nein, obwohl der Unfall schon über 21 Jahre zurückliegt,
sind seine Folgen noch sichtbar. Damals liefen 40000 Tonnen Erdöl
aus, Hunderttausende Fische und Vögel verendeten. Heute findet man an
einigen Stellen immer noch frisches Öl, konserviert im Boden, man
muss nur wenige Meter tief graben. Auch das Ökosystem hat sich noch
nicht erholt. Bestimmte Arten wie etwa der Hering haben sich in ihrem
Bestand immer noch nicht erholt oder haben die Bestandsgröße von vor
dem Unfall immer noch nicht wieder erreicht. Auch eine Schule Orcas,
die im Prinz-William-Sund lebt, leidet immer noch unter den Folgen
der Katastrophe mit unbekanntem Ausgang. Detaillierte Forschungen
belegen die Spätfolgen des Ölunfalls. Sie lassen nur einen Schluss
zu: Diese sensible Region muss vor der Ölindustrie geschützt werden.

Wieso ist das Polarmeer noch empfindlicher als etwa die Mangroven
im Mississippi-Delta?

Feddern: Die klimatischen Bedingungen sind völlig andere: Die
kalten arktischen Temperaturen verlangsamen alle
Stoffwechselprozesse, also auch den Abbau des Erdöls durch Bakterien.
Es ist ein halbes Jahr dunkel, Aufräumarbeiten sind also nur im
kurzen arktischen Sommer möglich. Das notwendige Material in diese
entlegene Region zu bringen ist eine weitere Herausforderung.

Gingen die möglichen Folgen eines Ölunfalls noch weit über
regionale Auswirkungen hinaus? Das Polarmeer gilt als Kinderstube
vieler Arten.

Feddern: Stimmt, das gilt für die Arktis wie für andere
hochproduktive Regionen — etwa Mangrovenwälder. Werden sie
verseucht, ist der Schaden nicht begrenzbar. Mit der Natur wird
mittelbar immer auch der Mensch getroffen. Setzen die Ölkonzerne ihre
rücksichtslosen Förderpraktiken an Land auch in der Arktis fort,
droht uns das Schlimmste.

Der Rosneft-Deal mit BP platzte in letzter Minute. Hätte eine
Beteiligung der Europäer für mehr Transparenz im Tiefseegeschäft
sorgen können?

Feddern: Kaum, zumal man in Russland nur schwer von Transparenz
reden kann. Ölkonzerne wollen in erster Linie Gewinne machen.
Umweltauflagen stören da nur. Ob sie weit draußen im Meer eingehalten
werden, dürfte ohnehin kaum kontrolliert werden. Deswegen brauchen
wir internationale Regeln, die den jeweils höchsten Umweltstandard
als verbindlich festschreiben. Wichtig sind auch funktionierende
Pläne für Notfälle. Und davon sind wir meilenweit entfernt.

Derzeit stecken die Staaten ihre Claims in Wildwest-Manier ab:
Russland unterstrich seine Ansprüche, indem es eine Flagge in den
Meeresboden rammte. Dänemark und Kanada rasselten bei Militärmanövern
mit dem Säbel. Wie heiß wird der Kalte Krieg im Eis?

Feddern: Gelingt es uns nicht, internationale Regeln
durchzusetzen, steht uns einiges bevor. Die fünf Arktis-Anrainer
haben großes Interesse, an die Schätze im Meeresboden zu gelangen.
Zwar wäre eine internationale Aufsicht über die Arktis das Beste,
doch die ist unwahrscheinlich. Wichtig wäre aber, dass die strittigen
Gebietsansprüche unter internationaler Aufsicht geklärt werden — und
nicht in Alleingängen.

Welche Chancen haben Versuche, sich auf anerkannte Grenzen nach
dem Vorbild des Antarktis-Vertrages zu einigen?

Feddern: Es wäre das Optimum, wenn man auch die Arktis für einen
festen Zeitraum von mindestens 50 Jahren zum Schutzgebiet deklarieren
würde. Das ist ungleich komplizierter: Die Antarktis ist unbewohnt,
kein Hoheitsgebiet eines Staates berührt die Region. In der Arktis
hingegen konkurrieren fünf Staaten — USA, Kanada, Norwegen,
Russland, Dänemark/Grönland — mit zum Teil legitimen
Gebietsansprüchen. Idealerweise erkennt dieses Quintett die
Schutzwürdigkeit der Region an und verhindert einen Ölrausch. Denn
eines darf nicht vergessen werden: Noch sind es nur Vermutungen, dass
dort 13 Prozent der unerschlossenen, förderbaren Ölvorräte der Welt
schlummern. Aber selbst, wenn sich diese Annahme bewahrheitet, würden
diese Vorkommen den Ölbedarf der Welt nur für etwas mehr als drei
Jahre decken. Dann wäre auch da oben Schluss.

Was bliebe vom Konzept einer internationalen Tiefsee, wenn der
Meeresboden kolonialisiert wird?

Feddern: Nicht viel. Deshalb sollten zwar zunächst die
Gebietsansprüche geklärt, also der Verlauf der Kontinentalsockel
zweifelsfrei festgestellt werden. Darüber hinaus sollte politisch
versucht werden, die Anrainer auf einen Verzicht zu verpflichten. Sie
sollten das Polarmeer unberührt und die Bodenschätze unangetastet
lassen. Würde festgeschrieben, dass man an dieses Öl nicht mehr
herankommt, hätte das den positiven Nebeneffekt, dass die Ölkonzerne
sich schneller den Alternativen zuwenden, den regenerativen Energien.
Ob mit oder ohne die Vorkommen in der Arktis: Die Ölreserven neigen
sich unwiederbringlich zügig dem Ende zu.

Verschieben die nun zugänglichen Schätze im Meeresboden den
notwendigen Abschied von der Droge Öl unnötig hinaus?

Feddern: Genau. Die dort prognostizierten 90 Milliarden Barrel Öl
sind schnell verbraucht. Es wäre sinnvoller, sich jetzt Gedanken über
die künftigen Energiequellen zu machen als in drei Jahren — nachdem
man das arktische Ökosystem hingerichtet hat.

Ist ein rechtzeitiges Umdenken nicht ein allzu frommer Wunsch? Es
droht nicht nur ein Ringen um Ressourcen, sondern auch um
Verkehrsadern: Bereits in 20 Jahren soll die Nordwestpassage eisfrei
sein. Kanada hat sie zum Binnengewässer erklärt, will
Durchfahrtsgebühren erheben.

Feddern: Auch das wird kommen. Und auch in diesem Fall ist es
wichtig, internationale Regeln durchzusetzen. Als Vorbild könnten
z.B. die Nord- und Ostsee dienen: Trotz der begrenzten hoheitlichen
Rechte der Anrainer ist die Schifffahrt frei, wird nur unter
bestimmten Bedingungen geregelt. Keinesfalls aber erheben zum
Beispiel Dänemark, Deutschland oder Polen Gebühren für die Passage
durch ihre Hoheitsgewässer. Aber Kanadas Vorpreschen gibt einen
Vorgeschmack auf die Probleme, die entstehen, wenn der Klimawandel
die Nordost- und Nordwestpassage eisfrei werden lässt.

Wächst mit der enormen Entwicklung des Seeverkehrs auch die Gefahr
zwischenstaatlicher Konflikte?

Feddern: Das kann ich nicht erkennen. Es gibt internationale
Regeln, deren Einhaltung Konflikte verhütet.

2041 läuft der Antarktisvertrag aus, der deren Ausbeutung
untersagt. Wird sich das Spektakel wiederholen?

Feddern: Das ist zu befürchten, wenn es nicht rechtzeitig zu
Verhandlungen kommt, die Antarktis auch weiterhin unter Schutz zu
stellen. Die Antarktis sollte auch weiterhin ein positives Beispiel
für ein funktionierendes, internationales Schutzabkommen sein.

Das Interview führte Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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