Lausitzer Rundschau: Brot und Spiele Deutschland im Wohlfühlrausch und der Wahlkampf

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Natürlich gibt es die Abgehängten, sogar
millionenfach. Natürlich können SPD, Grüne und Linke gute Gründe
nennen, um faire Arbeit und eine gerechtere Reichtumsverteilung zu
fordern. Oder zu warnen, dass für die Zukunft zu wenig vorgesorgt
wird, in der Bildung etwa oder in der Familienpolitik. Die
Grundmelodie des Landes aber klingt derzeit ganz anders, klingt so
wohlig und satt-zufrieden wie Marius Müller-Westernhagens „Es geht
mir gut“. Es geht uns gut. Das sagen die Zahlen. Die Stimmung in der
Wirtschaft hat sich noch einmal aufgehellt, obwohl die Lage in
Rest-Europa so schwierig ist. Die Arbeitslosigkeit bleibt niedrig,
bei der Jugendarbeitslosigkeit wird sogar ein europaweiter
Positivrekord vermeldet. Die Tariflöhne sind gestiegen, auch der
Binnenkonsum zieht an. Und nun sinken sogar die Ölpreise, das für die
autobesessenen Deutschen vielleicht wichtigste Krisenbarometer. Es
geht uns gut. Das sagt die Welt. Sogar François Hollande erklärt bei
seiner SPD-Geburtstagsrede in Leipzig die deutschen Reformen für
vorbildlich und erkennt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des
Nachbarlandes neidlos an. Die französischen Zeitungen fragen bereits,
ob und wie er diese Erkenntnis endlich bei sich umsetzt. Die
britische Presse sucht nach unserem Erfolgsrezept und vergisst für
einen Moment ihre „Sauerkraut“-Stereotypen. Selbst Barack Obama
bewundert unser duales Ausbildungssystem. Bei einer internationalen
Umfrage unter 26 000 Bürgern aus 25 Staaten wird Deutschland das
beliebteste Land der Welt. Vor den in ihrer Geschichte nie
kriegerischen Kanadiern, vor den Briten, die die Demokratie seit
Jahrhunderten haben, vor Frankreich, dem Land, in dem man zu leben
weiß, vor Brasilien und den USA. Wir beliebt? Wir reiben uns die
Augen. Und dann ist da unser Fußball. Die Wolfsburger Frauen sind
schon Champions-League-Sieger. Bayern oder Dortmund werden es an
diesem Wochenende in London beim rein deutschen Männer-Finale werden.
Und zwar nicht mit Brechstangen-Fußball. Effizienz und Eleganz sind
kein deutscher Gegensatz mehr, auch nicht im Sport. Apropos
Wolfsburg. Geht es irgendeiner Autofirma weltweit besser als VW? Ja,
Audi, eine VW-Tochter. Und vielleicht noch BMW. Auch darauf ist ganz
Deutschland stolz. Solange wir Erfolg haben, können wir Wir-Gefühl
ganz gut. Das ist die Grundschwingung vor dem einsetzenden Wahlkampf,
und der richtige Sommer kommt ja noch. Sicher, schon morgen kann mit
Problemen irgendeiner großen Bank in Spanien oder Italien oder mit
einer Regierungskrise in einem Euro-Schuldenland die gemeinsame
Währung wieder auf die schiefe Bahn und alles ins Rutschen geraten.
Und die positiven Zahlen sind nur Statistik, sie nehmen vielen
Menschen nicht ihre aktuellen Sorgen, geschweige denn die um die
Zukunft. Erst recht ist der Fußball ein flüchtiges Vergnügen. Nur
wird es für die Gegner von Bundeskanzlerin Angela Merkel verdammt
schwer werden, mit Kassandra-Rufen gegen eine so positive Stimmung
anzukommen. Zumal Merkel unerbittlich fröhlich ist und dabei stets
konzentriert. Brot und Spiele, beides wird den Deutschen derzeit
geboten, und zwar reichlich. Und mehr will ein Volk nicht.

Pressekontakt:
Lausitzer Rundschau

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