Studie: Deutsches Stiftungswesen will mehr, als es leisten kann / Kleine Stiftungen mit geringen Mitteln tragen Löwenanteil der deutschen Stiftungsarbeit

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Deutsche Stiftungen sehen ihre Rolle mehrheitlich
darin, staatliche Leistungen zu ergänzen oder gar ganz zu übernehmen,
können diesem Anspruch jedoch nicht gerecht werden. Es mangelt an
finanziellen Mitteln, Strategie und Nachhaltigkeit – nicht jedoch an
Selbstbewusstsein und Engagement. Das ist das vorläufige Ergebnis der
ersten unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung zum
Selbstverständnis deutscher Stiftungen, durchgeführt von der Hertie
School of Governance und dem Centrum für soziale Investitionen und
Innovationen der Universität Heidelberg unter der Leitung von Helmut
K. Anheier, Soziologieprofessor und Präsident der Hertie School.

Das deutsche Stiftungswesen wird getragen vom ehrenamtlichen
Engagement der über 18.000 meist kleinen privaten Stiftungen, die mit
einem ausgeprägten Selbstbewusstsein, klaren, aber oft hoch
gesteckten Zielen und letztlich knappen Mitteln einen Beitrag leisten
möchten. Über zwei Drittel (67 Prozent) haben ein Jahresbudget von
unter 100.000 Euro. Ein fast genauso hoher Anteil (63 Prozent) der
Stiftungen sieht sich in der Rolle, für den Staat einzuspringen. Mit
geschätzten 12,5 Mrd. Euro, die deutsche Stiftungen jährlich für ihre
Ziele ausgeben, lassen sich staatliche Leistungen jedoch nicht einmal
annähernd ausgleichen, sondern allenfalls punktuell ergänzen oder
anstoßen. Als Impulsgeber versteht sich aber nur eine Minderheit der
Stiftungen. „Ein Großteil der Stiftungen muss die eigene
Selbsteinschätzung dringend an die tatsächlich gegebenen finanziellen
Möglichkeiten anpassen“, empfiehlt Helmut Anheier.

Insgesamt attestiert die Studie dem deutschen Stiftungswesen ein
ausgeprägtes Engagement für die Gesellschaft und eine Haltung des
„Sich-Kümmerns“, insbesondere im lokalen und regionalen Rahmen. Hier
engagieren sich tausende von Stiftern und Ehrenamtlichen für das
Gemeinwohl. Professionell arbeitende Groß-Stiftungen mit
hauptamtlichen Mitarbeitern, die im nationalen und internationalen
Rahmen agieren, bilden die Ausnahme. Deren Selbstwahrnehmung
unterscheidet sich deutlich vom Durchschnitt. Helmut Anheier sieht in
dieser Heterogenität eine besondere Herausforderung und wünscht sich
ein stärkeres Engagement der Politik: „Obwohl das deutsche
Stiftungswesen breit aufgestellt ist und eines der größten der Welt
darstellt, gibt es bisher kein politisches Konzept und kaum
Interesse. Hier besteht großer Nachholbedarf, damit Stiftungen in
ihrer Gesamtheit auch das leisten, was sie könnten.“ So stelle sich
die Frage, ob angesichts der großen Unterschiede in der
Stiftungslandschaft mit ihren vielen kleinen und wenigen großen
Stiftungen, die aber geschätzte 90 Prozent der Ausgaben tätigten,
eine einheitliche Stiftungspolitik und Verbandsstruktur sinnvoll sei.
Für die Studie wurden 1.000 Stiftungen aus einer für die Untersuchung
neu zusammengestellten Grunddatei von etwa 18.000 privaten Stiftungen
ausgewählt und durch TNS Infratest zu ihrer selbst wahrgenommen Rolle
und Arbeitsweise, ihrem Verhältnis zu Staat, Wirtschaft und
Öffentlichkeit sowie ihren Stärken und Schwächen befragt. Die
Stichprobe wurde so gewichtet, dass die Ergebnisse nach
Bundesländern, Gründungszeitraum und Hauptzwecken repräsentativ sind.
Die vollständigen Ergebnisse des bis zum Herbst 2015 laufenden
Forschungsprojekts werden 2016 veröffentlicht. Ein besonderer
Schwerpunkt liegt auf den Bereichen Bildung und Erziehung,
Wissenschaft und Forschung, Soziales sowie Kunst und Kultur. Die
Umfrage wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Robert Bosch
Stiftung, der Volkswagen Stiftung und des Stifterverbands für die
Deutsche Wissenschaft.

Eine Zusammenfassung der ersten Studienergebnissen steht unter
http://bit.ly/Stiftungsstudie zum Download bereit.

Die Hertie School of Governance ist eine staatlich anerkannte,
private Hochschule mit Sitz in Berlin. Ihr Ziel ist es, herausragend
qualifizierte junge Menschen auf Führungsaufgaben im öffentlichen
Bereich, in der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft
vorzubereiten. Mit interdisziplinärer Forschung will die Hertie
School zudem die Diskussion über moderne Staatlichkeit voranbringen
und den Austausch zwischen den Sektoren anregen. Die Hochschule wurde
Ende 2003 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gegründet und wird
seither maßgeblich von ihr getragen.

Pressekontakt:
Regine Kreitz, Head of Communications, Tel.: 030 / 259 219 113,
Fax: 030 / 259 219 444, E-Mail: pressoffice@hertie-school.org,
Friedrichstraße 180, 10117 Berlin

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