WAZ: Das tägliche Wegsehen – Kommentar von Frank Preuß zum Bank-Prozess

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Die Videoaufnahmen aus der Essener Bankfiliale sind
schwer erträglich. Ein hilfloser alter Mann am Boden, vier Menschen,
die ihn einfach ignorieren und ihren Geschäften nachgehen: Das Opfer
hätte auch mein Vater sein können, denkt man. Und man fragt sich: Was
geht in diesen Köpfen vor?

Pauschaldiagnosen führen in Sackgassen, und darum hilft es auch
wenig, darüber zu streiten, ob unsere Gesellschaft herzloser geworden
ist. Dagegen spräche das ehrenamtliche Engagement von Millionen
Menschen für eine gute Sache, aus der sie nicht mehr Profit schlagen
als das schöne Gefühl. Und doch ist man nicht überrascht, wenn ein
Polizist vor dem Gerichtssaal sagt: „Das Wegsehen erleben wir doch
täglich.“

Wenn der gestrige Prozess bewirkt hat, dass viele ihre Mitmenschen
künftig ein bisschen intensiver wahrnehmen, statt nur an sich zu
denken, wäre viel mehr gewonnen, als es ein paar simple
Verurteilungen bewirken könnten, die unser Gerechtigkeitsgefühl mehr
oder weniger befriedigen. Es ist wichtig, dass der Fall diese große
Öffentlichkeit bekommen hat. Und zweitrangig, ob die Strafen noch ein
bisschen höher hätten ausfallen sollen.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
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