WAZ: Die Pflege als Risiko
– Kommentar von Dietmar Seher

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Mord und Totschlag sind in Deutschland kein
Massendelikt. Sie kommen selten vor. Täter sind oft Angehörige.
Kriminalisten reden von Beziehungstaten. Beruhigt das? Eher ängstigt
es. Denn mit der alternden Gesellschaft entstehen mit dem Verhältnis
von Pflegenden zu Pflegebedürftigen völlig neue Formen sehr
persönlicher Beziehungen. Dabei treten Stress, Ängste, Überlastungen
und Spannungen unvermeidlich auf. Wer demente Angehörige betreuen
muss, weiß das. Die Pflege, liebevoll in der Überzahl der Fälle und
eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft,
kann so auch zu einem Kriminalitätsrisiko werden – zumindest zu einem
Feld, auf dem viele, auch tödliche, Fehler gemacht und kaschiert
werden können. Hochbetagte sind nicht weniger verletzlich als Kinder.
Es ist nicht absurd, wenn Patientenschützer und Polizeiexperten
genaues Hinschauen fordern, wenn der Totenschein ausgestellt wird. So
bald wird freilich nichts aus dem perfekten Kontrollsystem. Es ist
teuer. Heute schon fehlt das Geld für Pathologen und
Gerichtsmediziner. In einer Zeit, in der Menschen immer öfter in sehr
hohem Alter und nach intensiver Pflegezeit sterben, wird die
Kontrolle zunächst unbezahlbar sein. Vorbeugung – ihr Kern muss die
gute Ausbildung psychisch stabiler Pflegender sein – ist die
preiswertere Variante.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
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