Westdeutsche Zeitung: Der Fall Voerde: Können wir das ertragen? (Kommentar von Olaf Kupfer)

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Fassungslos steht man vor einer solch grausamen
Tat. Ein Moment, ein Entschluss – und damit das gefällte Todesurteil
für eine ahnungslose Bürgerin: Das ruft Wut und Empörung hervor. Und
wieder steht das Vertrauen der Bürger in die Justiz auf dem
Prüfstand, weil der Täter schon vorher einige Male auffällig geworden
war, dann aber eben doch an diesem Morgen am Bahnhof im
niederrheinischen Voerde frei zur Tat schreiten konnte. Kann man das
glauben? Man dürfe die Rechtsprechung nicht zu weit vom
Rechtsempfinden der Bürger lösen, hatte NRW-Innenminister Herbert
Reul (CDU) dem Sinne nach dazu einmal gesagt – und ist dafür hart
kritisiert worden. Zurecht, weil Rechtsprechung autonom funktioniert:
nach Gesetzen, Maßstäben und Grundsätzen, bisweilen auch nach
Auslegung, aber niemals unberechenbar in Gänze. Immer öfter wird
daran gerüttelt. Gefühlt, verbal, in Diskussionen an der Theke oder
in sozialen Medien. Aber so lange die Resozialisierung die wichtigste
Programmvorgabe für den Strafvollzug in Deutschland ist, wird es
Fälle wie diesen immer wieder geben. Sie sind Ausnahme – und als
solche kaum zu verhindern. Die Frage ist: Können wir das ertragen?

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