Westdeutsche Zeitung: Der historisch tiefe Leitzins wird wenig Positive bewirken – Riskantes Festhalten an der Schulmeinung Ein Kommentar von Martin Vogler

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Hemmungslos flutet die Europäische Zentralbank
(EZB) ganz Europa mit billigem Geld. Für nur 0,5 Prozent können sich
jetzt Banken bei der EZB Geld besorgen – und das ohne
Mengenbegrenzung. Die Risiken dieses Dumpings blendet die Zentralbank
aus. Sie lässt sich allein von der Hoffnung treiben, dass vor allem
Geldinstitute in notleidenden Ländern die Gelegenheit beim Schopf
packen, ihre Unternehmen und Privatleute ebenfalls mit billigem Geld
zu versorgen. Diese mögen damit kräftig investieren oder einkaufen
gehen. Dann spränge endlich die Konjunktur an, sagt die Schulmeinung.
Doch das Kalkül wird kaum aufgehen.

Denn der Leitzins ist nicht mehr das alles dominierende
Steuerungsinstrument. Die Finanzkrise hat auch ihn beschädigt. Schon
frühere Senkungen wirkten sich in Krisenländern kaum aus. Und wenn es
diesmal doch anders wäre: Selbst bei niedrigeren Marktzinsen ist es
zweifelhaft, ob deshalb die marode Wirtschaft etwa in Griechenland
wieder auf die Beine käme. Für viele Südländer war das gestern eher
ein symbolischer Schritt.

Staaten mit intakteren Strukturen wie Deutschland hingegen
benötigen keine künstlichen Impulse durch niedrigere Zinsen. Sie
müssen sogar Risiken fürchten: Für internationale Geldanleger werden
sie noch ein Stück uninteressanter, Mini-Zinsen ziehen gerne eine
höhere Staatsverschulung nach sich, und – auch wenn es im Moment
anders aussieht – das Inflationsrisiko steigt.

Unter der Politik des billigen Geldes leiden besonders die
normalen Bürger, die nicht weltweit nach einem besseren Platz für ihr
„Vermögen“ suchen können. Die EZB-Entscheidung bedeutet nämlich, dass
Sparer weiterhin enteignet werden, weil die Zinsen niedriger als die
Inflationsrate sind. Sie bedeutet, dass Wohnen in den eigenen vier
Wänden immer unerschwinglicher wird, weil professionelle Investoren
und vermögende Privatleute dank des billigen Geldes für eine sichere
Anlage fast jeden Preis bezahlen. Und die Entscheidung bedeutet auch,
dass die gesetzliche und private Altersversorgung künftig noch ein
Stück magerer als erwartet ausfallen wird.

Da tröstet der Gedanke nicht, dass bei 0,5 Prozent kaum Spielraum
nach unten zu sein scheint. Und übrigens: Die Finanzwelt kennt auch
negative Zinsen.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
Nachrichtenredaktion
Telefon: 0211/ 8382-2370
redaktion.nachrichten@wz.de
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