Allg. Zeitung Mainz: Was zusammengehört / Von Friedrich Roeingh

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Es war der Glücksmoment der deutschen Geschichte: Der Fall der
Berliner Mauer am Abend des 9. November 1989. So einzigartig wie die
vorangegangene friedliche Revolution in der DDR und so einzigartig wie die
darauffolgende Einheit im Turbogang. 30 Jahre später verblassen nicht nur die
Erinnerungen an dieses Glück. Ausgerechnet der Fall der Mauer, die deutsche
Einheit scheinen das Land zu spalten. Die Trunkenheit von damals ist einem Kater
gewichen, der nicht verschwinden mag. Mit einer Verzögerung von 30 Jahren
scheinen sich die Ostdeutschen gegen die Übernahme durch die alte Bundesrepublik
aufzulehnen. Ausgerechnet die Jungen, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben,
stärker als die Alten. Neu ist dieses Phänomen der historischen Nachwirkung
nicht. Und in anderen Zusammenhängen waren sie wesentlich wuchtiger. Die
Konflikte im Nahen Osten sind fast alle die Folge der willkürlichen
Grenzziehungen 1916 durch Briten und Franzosen. Die Jugoslawienkriege ließen das
künstliche Staatsgebilde auf dem Balkan aufbrechen. Und der amerikanische
Bürgerkrieg war nicht nur der Ausgangspunkt für den einzigartigen Aufstieg der
Großmacht USA. Er ist zugleich fruchtbarer Nährboden für die Spaltung des Landes
– auch noch nach mehr als 150 Jahren. Nirgends auf der Welt aber hat ein so
positiver historischer Einschnitt wie Mauerfall und deutsche Einheit so kritisch
nachgewirkt. Erst das widerwärtige Phänomen Pegida und der erschreckende
Siegeszug der AfD im Osten lassen erkennen, dass die alten Sonntagsreden nicht
weiterhelfen: Der Verweis auf den Gewinn der Freiheit, auf Wohlstand und
Beschäftigung und auf den Aufbau einer In-frastruktur, auf die der Westen
inzwischen mit Neid schaut. Wir beginnen gerade erst nachzuvollziehen, welch
traumatische Entwertungserfahrung die Einheit bei zu vielen hinterlassen hat.
Dass sie damals nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern ein ganzes
Koordinatensystem. Dass es ein Versäumnis war, nicht um eine gesamtdeutsche
Verfassung zu ringen. Dass sich antiliberale, auch antiisraelische Prägungen aus
41 Jahren DDR nicht durch Generationenwechsel ausschleichen. Zugleich gilt es,
nicht nur das Trennende zu erkennen, ja anzuerkennen. Viel wichtiger ist das
Erkennen der Gemeinsamkeiten. Dass die Krise des freiheitlichen Rechtsstaates
kein deutsches oder gar ostdeutsches Phänomen ist. Dass der Hang zur Sezession
wie bei einem Großteil der Briten, der Südtiroler und Katalanen in Deutschland
ernsthaft nicht zu finden ist. Dass das grassierende Stadt-Land-Gefälle, das
Bedürfnis nach nationaler Selbstvergewisserung und die Auflösungserscheinungen
der Volksparteien im Osten nur stärker, nur früher zutage treten als im Westen.
30 Jahre nach dem Mauerfall ist es also Zeit für einen Perspektivwechsel. Zeit
dafür, ostdeutsche Perspektiven zu respektieren. Und Zeit, nach gemeinsamen
Antworten auf die viel grundsätzlichere Krise der Demokratie zu suchen. Was
hindert die 80 bis 90 Prozent, die sich im Westen gegen Nationalismus und
Wiederkehr des Autoritären stellen, daran, endlich mit den 70 bis 75 Prozent
gemeinsame Sache zu machen, die sich im Osten dagegen stellen? Damit
zusammenwächst, was zusammengehört. Wenigstens dies ein Zitat aus den
glücklichsten Tagen dieser Republik, das gewiss auch in Zukunft Bestand haben
wird.

Pressekontakt:
Allgemeine Zeitung Mainz
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