BERLINER MORGENPOST: Klaus Wowereits historische Chance – Leitartikel

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Berlin hat gewählt. Klaus Wowereit heißt der alte
und neue Bürgermeister – mit leichten Verlusten nach zehn Jahren
Amtszeit für weitere fünf Jahre gewählt. So lange saß vor ihm noch
keiner ununterbrochen im Roten Rathaus. Der ewige Regierende. Ob man
seine politischen Ansichten teilt oder nicht: Klaus Wowereit ist ein
Solitär der SPD – für seine Partei unverzichtbar. Bei allem Jubel
wissen die Strategen im Kurt-Schumacher-Haus aber auch, dass genau
diese Sonderstellung in den kommenden Jahren für die Berliner
Sozialdemokraten zum Problem werden wird. Wowereits Herausforderer
Frank Henkel hat mit einem unaufgeregten und professionellen
Wahlkampf ein wirklich gutes Ergebnis eingefahren. Die vormals
zerstrittene CDU der Hauptstadt hat wieder ein Gesicht. Renate Künast
wirkte gegen beide Kontrahenten wie ein Fremdköper – sie passte nicht
zur Grundmelodie der Stadt. Das Gastspiel einer Bundespolitikerin
wirkte nicht wirklich authentisch. Das große grüne Berlin-Thema
fehlte. Die wirkliche Überraschung dieser Wahl sind die Piraten. Die
Meister der digitalen Kommunikation waren im Netz, auf den Straßen,
vor allem aber als einziger Gegenentwurf zu vier oft verwechselbaren
Mittelparteien präsent; sie vereinten das geballte Protest- und
Frustpotenzial. Wie ernsthaft allerdings eine Partei arbeitet, deren
Spitzenkandidat sich nicht einmal für den Schuldenstand der Stadt
interessiert, wird man in den kommenden Monaten sehen. Was in diesem
Wahlkampf insgesamt fehlte, waren Lösungen für die Probleme, die die
Menschen in unserer Stadt wirklich bewegen. Der Wirtschaftsstandort
verliert den Anschluss, die Situation an einem Großteil der Schulen
ist erbärmlich, viele Integrationskonzepte gescheitert, und die
Mieten steigen dramatisch. Die Berliner haben sich in den meisten
Fällen nicht für Themen und Inhalte, sondern für eine Person
entschieden. Für die nächsten Jahre hat Wowereit die Wahl zwischen
Ökologie und Ökonomie. Nach zehn Jahren Rot-Rot sind neue Prioritäten
gefragt. Mit der CDU sind die Schnittmengen nicht nur in
wirtschaftlichen Kernfragen wie BBI oder der umstrittenen Autobahn
100 groß. Die Grünen dürften Berlin und den Menschen eher weitere
Lasten zumuten. Auch wenn im Bund der Trend Richtung Rot-Grün geht:
Wowereits historische Chance besteht darin, nach einer rot-roten
Koalition ein Bündnis mit der CDU zu schmieden. Das hat vor ihm noch
kein Regierungschef geschafft. Schwierige Zeiten erfordern große
Koalitionen.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST
Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

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