Es war doch gut gemeint / Der Namenskampf um den Mohren birgt das Risiko, Rassismus zu befeuern. Aktivisten vergessen: Geschichte kann man nicht löschen. Nur überschreiben. Von Marianne Sperb

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Nun also doch: Die Mohrenstraße in Berlin wird umbenannt, nach Anton Wilhelm Amo, dem ersten bekannten Rechtsgelehrten afrikanischer Herkunft in Deutschland. Eine gute Wahl. Sie hätte auch gut schief gehen können: Komponist Michail Iwanowitsch Glinka, zunächst der Favorit für die U-Bahn-Station Mohrenstraße, wurde gerade noch rechtzeitig als Antisemit enttarnt, damit die Berliner Verkehrsbetriebe die neuen Glinka-Schilder noch abbestellen konnten. Das Beispiel zeigt: Wer den blütenreinen Geist sucht, muss Aufwand treiben und kann in die Irre fallen, selbst wenn er die komplette Weltgeschichte bemüht. In Deutschland ist ein Namenskampf entbrannt. Der Mohr muss weg: von Straßenschildern, Apothekennamen, Hotel-Fassaden. Die Erfolgsquote zahlreicher Initiativen – auch in Regensburg gibt es eine – differiert maximal. In Augsburg nennt sich das Drei Mohren Hotel nach 450 Jahren “Maximilians”, viele andere Häuser lassen von ihren Namen ab. In Friedberg sammelten Aktivisten 900 Unterschriften gegen die 1621 gegründete Hof-Apotheke zum Mohren – aber die Apothekerin 25 000 Stimmen, die sie bestärken, am Namen festzuhalten. Und in Kiel ist Andrew Onuegbu zum Medienstar geworden, weil der Gastronom aus Nigeria sein Restaurant Zum Mohrenkopf keinesfalls umbenennen will. Das Anliegen ist im Grunde so richtig wie wichtig. Menschen müssen Menschen als Menschen begegnen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Glaube, sozialem Status und was einem als Grund für Verachtung und Aussonderung noch so einfallen könnte. Dieser Konsens sollte selbstverständlich sein. Dass er es nicht ist, zeigen rassistisch motivierte Bluttaten und Beobachtungen im Alltag. Grobe Benachteiligungen bei Vorstellungsgespräch und Wohnungssuche, üble Beleidigungen im Job, im Bus, im Lokal: Das kommt jeden Tag vor, überall im Land. Was kann nun die sprachliche Entpigmentierung, wie der Autor Rainer Bonhorst es nennt, gegen Rassismus ausrichten? Im Zweifel das Gegenteil des Gewollten. Eine Gesellschaft, die blindlings jeder Aufwallung identitätspolitischer Lager folgen soll, wird Abwehr entwickeln. Ein Theater, das eine PoC-Sopranistin für eine Opernrolle sucht, versichert sich bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wie sie die Ausschreibung gefahrlos formuliert – und erntet dennoch einen Shitstorm. Ein Museum wirbt für eine Ausstellung historisch korrekt mit Josephine Baker, so schwarz und knapp bekleidet, wie sie erwiesenermaßen aufgetreten ist – und ruft die Gleichstellungsstelle auf den Plan. Man sieht: Die Suche nach Indizien für Rassismus und Diskriminierung führt von Fall zu Fall ins Reich des Absurden. Der Effekt allerdings ist gar nicht komisch. Denn wenn überall die Gefahr lauert, in die Gruppe der Falschmeinenden expediert und mit Ächtung bestraft zu werden, werden sich diese Gruppen verhärten. Das wirklich Schwierige an der Debatte: Die Aktivisten argumentieren mit dem Schmerz, der ihnen angetan wird. Über Leid lässt sich nicht streiten. Aber viele der Namenskämpfer sehen sich durch ihre Gefühle privilegiert, im Besitz der Deutungshoheit zu sein. Dann ist aber Schluss mit Aufklärung, Pluralismus und Meinungsfreiheit. Dann definiert im Zweifel die einflussreichste oder lauteste Gruppe, was als Wahrheit zu gelten hat. Empörung gegen Empörung zu setzen, ist also kein erfolgversprechender Weg zu weniger Rassismus und mehr Menschenfreundlichkeit. Das Löschen von Straßennamen, das Köpfen von Denkmälern, sind ebenfalls keine tauglichen Mittel. Denn Rassismus verschwindet nicht , wenn wir uns wie Kinder die Hände vor die Augen halten. Wir können Geschichte nicht löschen, nur überschreiben: mit Kontext, mit Hinweisen, mit Bewusstmachung. Die Debatte hat insofern dann auch wieder etwas Gutes. Das Wort Mohr wird kein interessierter Mensch in Deutschland mehr völlig unbefangen lesen.

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