Neue Westfälische (Bielefeld): Big-Brother-Award Auf Kosten der Freiheit Sigrun Müller-Gerbes

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Digitalisierung ist eine feine Sache, keine
Frage. Was war das mühsam, damals in der analogen Welt, Kontakt zu
halten – beispielsweise mit Freunden, die umgezogen waren. Ein
paarmal hat man geschrieben, ab und zu telefoniert, oft schlief die
Beziehung ganz ein. Heute reicht der tägliche Klick aufs
Facebook-Symbol, um verbunden zu bleiben. Oder der Einkauf: Was ist
man durch die Stadt gerannt, weil die Stifte, die das Kind unbedingt
haben sollte, überall ausverkauft waren. Heute: Gemütlich vom Sofa
aus Amazon angesteuert, ein paar Minuten surfen, schon ist alles im
elektronischen Einkaufswagen. Dass bei jedem Klick Daten erhoben,
gespeichert, weiterverarbeitet, neu verknüpft werden – wir machen uns
keine Gedanken darum, weil die Nutzung der Dienste so überaus bequem
ist. Und so haben Google, Facebook, Amazon und wie sie alle heißen
hinter unserem Rücken Millionen und Abermillionen Informationen über
uns gesammelt. Macht doch nichts, wenn die wissen, was ich gerne esse
und lese, wohin ich am Wochenende fahre, wie ich eingerichtet bin?
Doch, es macht etwas. Denn die Daten liegen nicht ungenutzt auf
irgendwelchen Speichern, sondern werden neu zusammengestellt zu
perfekten Persönlichkeitsprofilen. Die eignen sich nicht nur dafür,
mir bei jeder Internet-Suche passgenau Werbung vorzuspielen. Sondern
sie werden verkauft. An Versicherungen, Banken, PR-Agenturen.
Spätestens seit dem Skandal um Cambridge Analytica – die Firma, die
millionenfach Facebook-Daten für die Trump–sche Wahlkampfkampagne
einsetzte – ist endgültig klar, dass „Big Data“ unmittelbar
demokratierelevant ist. Es geht längst nicht mehr nur darum, ob meine
Versicherungspolicen zu hoch oder mein Kreditrahmen zu niedrig
angesetzt werden. Insofern ist es höchste Zeit, dass die Politik das
Kräftegleichgewicht wieder in Richtung der Bürger verschiebt. Ein
Schritt dahin ist die neue Europäische Datenschutzverordnung, die
Firmen zu sehr viel mehr Transparenz verpflichtet und Nutzern neue
Rechte gibt, über ihre Daten selbst zu bestimmen. Aus der Branche
klingt laute Kritik: Die Richtlinie werde die Internet-Wirtschaft
bremsen. Stimmt vermutlich. Aber so funktioniert eine soziale
Marktwirtschaft: Regeln hegen den Markt so ein, dass er nicht ohne
Rücksicht auf die Interessen der Menschen wachsen kann. Deshalb führt
die turbokapitalistische FDP-Devise „Digital first, Bedenken second“
auch so in die Irre. Der Digitalmarkt soll und muss sich entwickeln
können. Aber nicht weiter auf Kosten unserer Freiheit.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de

Original-Content von: Neue Westfälische (Bielefeld), übermittelt durch news aktuell

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