„Rassismus und Fremdenfeindlichkeit widersprechen der Botschaft Jesu“; Vierter Katholischer Flüchtlingsgipfel in Essen

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Am heutigen Tag (4. Juli 2019) fand in Essen der
vierte Katholische Flüchtlingsgipfel statt. Auf Einladung der
Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz waren etwa 150
Praktiker, Experten und Ehrenamtliche auf der Zeche Carl
zusammengekommen, um über Fremdenfeindlichkeit als Herausforderung
der kirchlichen Flüchtlingshilfe zu diskutieren.

Mit dem Dank der deutschen Bischöfe an die kirchlichen
Flüchtlingshelfer eröffnete Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg),
Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen und Vorsitzender der
Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, die
Veranstaltung. Die Vielzahl der Teilnehmenden sei „eine Quelle der
Inspiration und der Kraft“, so Erzbischof Heße in seiner Ansprache.
Zugleich stellte er klar: „Die großen Herausforderungen stehen noch
bevor, denn Integration, die der Aufnahme folgt, ist eine
langfristige Aufgabe, die unsere Gesellschaft verändert und auch mit
Konflikten einhergeht. Vor diese Aufgabe sind wir jetzt gestellt. Und
es ist entscheidend, wie wir damit umgehen und welche Antworten wir
geben. Unsere Antwort ist Ausdruck dessen, wie wir uns als
Gesellschaft verstehen und auch als Kirche.“ Er bekräftigte die
christliche Haltung gegenüber Flüchtlingen mit den von Papst
Franziskus formulierten Handlungsmaximen „aufnehmen, schützen,
fördern und integrieren“, erinnerte aber zugleich an die
Notwendigkeit, mit Ängsten umzugehen, die sich auch in der Kirche
Gehör verschafften: „Ein Blick in die Gemeinden zeigt, dass auch
manche Kirchengemeinde um ihre Einheit ringen muss, wenn es um
Flüchtlinge und Migranten geht. Auch unter uns in der Kirche gibt es
Angst vor dem Fremden und den Fremden.“ Vor diesem Hintergrund
stellte er klar: „Eindeutig bekennen wir: Rassismus und
Fremdenfeindlichkeit widersprechen der Botschaft Jesu. Wir wollen
eine offene und ehrliche Debatte führen, die auch Raum lässt für das
Unbehagen und die oft diffuse Angst, die sich in der Gesellschaft
verbreitet haben. Aber wir glauben, gute Argumente zu haben, wenn wir
auf Hoffnung und Vertrauen setzen, statt uns der Angst zu ergeben.
Hass und Hetze treten wir entschieden entgegen.“

Ausdrücklich würdigte Erzbischof Heße die rund 51.000
Ehrenamtlichen und die 5.100 Hauptamtlichen, die 2018 in der
kirchlichen Flüchtlingshilfe aktiv waren. Ebenso dankte er dem
fortwährenden Einsatz der (Erz-)Bistümer und der kirchlichen
Hilfswerke, die 2018 rund 125,5 Millionen Euro für die
Flüchtlingshilfe bereitgestellt haben: darunter 83,5 Millionen Euro
für die Flüchtlingshilfe im Ausland und rund 37,5 Millionen Euro für
die Unterstützung der Flüchtlingshilfe im Inland.

In seinem Vortrag interpretierte Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl,
Professor für Theologische Ethik, Katholische Hochschule für
Sozialwesen Berlin, Fremdenfeindlichkeit im Kontext „gruppenbezogener
Menschenfeindlichkeit“. Sie sei durch abwertende Einstellungen und
Vorurteile gegenüber Angehörigen ganzer Gruppen bestimmt, die als
„anders“ definiert würden. Prof. Dr. Lob-Hüdepohl machte deutlich,
dass fremdenfeindliche Menschen zwar keine homogene Gruppe seien,
aber doch „gemeinsame tiefgreifende Verunsicherungen“ teilten, nicht
zuletzt auch aufgrund einer „Ohnmachtserfahrung durch soziale und
politische Deprivation“. Die von der Deutschen Bischofskonferenz am
25. Juni 2019 veröffentlichte Arbeitshilfe „Dem Populismus
widerstehen. Arbeitshilfe zum kirchlichen Umgang mit
rechtspopulistischen Tendenzen“ versuche, angesichts dieser Situation
Aufklärung zu leisten und Orientierung zu geben.

Die Frage, wie die Kirche den Ängsten und Vorbehalten gegenüber
Geflüchteten begegnen kann, bildete auch den roten Faden in den
Diskussionen der Arbeitsgruppen, die das Thema aus verschiedenen
Blickwinkeln behandelten. Ergänzt wurde das Programm des
Flüchtlingsgipfels durch einen Markt der Möglichkeiten, auf dem
Bewerber und Preisträger des Katholischen Preises gegen
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ihre Arbeit präsentierten.

Von unterschiedlichen Differenz- und Diskriminierungserfahrungen
berichtete Ali Can, Begründer des Hashtags #MeTwo, in einem
Impulsvortrag, der der abschließenden Diskussionsrunde voranging.
Seinem Hashtag, der sich an der „Metoo“-Debatte zum sexuellen
Missbrauch orientierte, hatten sich viele Migranten angeschlossen, um
von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus und Diskriminierung zu
berichten. „#MeTwo hat gezeigt, dass Rassismus ein großes Problem in
Deutschland ist“, so Ali Can.

An der Podiumsdiskussion unter dem Leitthema „Fremdenfeindlichkeit
– Welche Aufgaben stehen in Kirche und Gesellschaft an?“ nahmen neben
Erzbischof Heße und Ali Can auch Monika Düker, Fraktionsvorsitzende
der Grünen, Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen, und Dr. Ina
Schildbach, Projektleitung der „Kompetenzzentren für Demokratie und
Menschenwürde der Katholischen Kirche Bayern“, teil. „Ab wann ist ein
Flüchtling kein Flüchtling mehr, sondern ein Nachbar, ein
Studierender oder ein Deutscher? Die Zeit für eine Neudefinition des
Deutschseins ist reif. Wir haben alle mehr als eine Heimat. Vielfalt
ist das neue Made in Germany!“, betonte Ali Can. Die
Fraktionsvorsitzende Monika Düker unterstrich während der
Podiumsdiskussion: „Unsere Gesellschaft ist geprägt von
Zukunftsängsten: Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel und
Migration werden unsere Lebensweise verändern. Die Politik muss
Antworten geben, wie wir diese Herausforderungen meistern können. Die
aktuellen gesellschaftlichen Bewegungen zum Beispiel für Klimaschutz
und den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen zeigen, dass
vielen Menschen genau diese Antworten fehlen. Gleichzeitig schüren
und nutzen Rechtspopulisten Ängste, um ihre menschenfeindliche,
ausgrenzende und nationalistische Politik zu verkaufen. Grundfalsch
und gefährlich für unsere Demokratie finde ich es, diesen
ideologischen Brandstiftern hinterherzurennen und sich ihrer
Programmatik anzunähern, um Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen.
Wir sollten mit einer klaren Haltung gegen Nationalismus und
Rassismus und für eine menschenrechtsorientierte Politik antworten,
die auf den Werten unserer Verfassung fußt. Das Grundgesetz wird in
diesem Jahr 70 Jahre alt, und leider müssen wir seine Artikel mehr
denn je verteidigen.“

Dr. Ina Schildbach erklärte, dass es entscheidend sei, dass wir
Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus nicht lediglich als ein
Problem an den Rändern der Gesellschaft begreifen. Der Aufstieg der
AfD und anderer Parteien spiegele nur in institutionalisierter Form
wider, was empirische Studien schon lange zeigten: Solche
Einstellungsmuster seien fest in der Mitte verankert. „Ich erlebe in
verschiedenen Veranstaltungen einerseits zwar eine große
Verunsicherung, weil tatsächlich immer mehr Menschen sowohl im
Privaten als auch beruflich mit entsprechenden Aussagen/Einstellungen
konfrontiert werden. Zum anderen wird jedoch auch wahrgenommen, dass
es eine große Rückendeckung vonseiten der Kirchenspitze gibt, da gibt
es keinerlei Unschärfen und das ist extrem wichtig!“, so Dr.
Schildbach. Hier ergänzte Erzbischof Heße: „Von uns Bischöfen wird zu
Recht erwartet, dass wir ihnen geistlich und argumentativ den Rücken
stärken. Das ist aber bisweilen keine leichte Aufgabe. Denn so
entschieden und unmissverständlich unsere Ablehnung
menschenfeindlicher Haltungen ist: Auch für jene, die mit
rechtspopulistischen Tendenzen sympathisieren, tragen wir
seelsorgliche Verantwortung.“ Die Flucht- und Migrationsbewegungen
der Jahre 2015 und 2016 hätten gezeigt, dass Rechtspopulisten auch in
Deutschland imstande seien, diffuse Ängste und Verunsicherungen zu
bündeln, so Erzbischof Heße: „Besonders bedenklich ist es, wenn
solche Bewegungen sich als Verteidiger des christlichen Abendlands
inszenieren und wesentliche Aspekte des christlichen Menschenbildes
dabei ausblenden. Rechtspopulistische Tendenzen fordern uns heraus –
sowohl gesamtgesellschaftlich als auch innerkirchlich.“ Dr.
Schildbach betonte die Relevanz von Kompetenzzentren: „Meines
Erachtens müssen wir die innerkirchliche politische Bildung stärken,
wie es jetzt mit dem bayerischen Kompetenzzentrum versucht wird.
Menschen trauen sich nur dann in die Auseinandersetzung, wenn sie
sich auch gut dafür vorbereitet sehen – dafür braucht es nun mal
Unterstützung. Insofern wäre meine Hoffnung tatsächlich, dass in
sämtlichen Bundesländern Kompetenzzentren eingerichtet und dadurch
Gesprächsräume geöffnet werden.“

Hinweise:

Die Statistik zur Flüchtlingshilfe, die Eröffnungsansprache von
Erzbischof Dr. Stefan Heße und der Vortrag von Prof. Dr. Andreas
Lob-Hüdepohl sind als pdf-Dateien unter www.dbk.de verfügbar. Weitere
Informationen zur Flüchtlingshilfe der katholischen Kirche finden Sie
unter www.fluechtlingshilfe-katholische-kirche.de. Von dieser
Veranstaltung werden im Laufe des Tages kostenfreie Fotos in
Druckqualität zur Verfügung stehen, die unter dem Link
http://ots.de/ycxz0F abrufbar sind. Die Copyright-Angabe ist: ©
Deutsche Bischofskonferenz/Jörn Neumann.

Pressekontakt:
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Herausgeber
P. Dr. Hans Langendörfer SJ
Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz

Original-Content von: Deutsche Bischofskonferenz, übermittelt durch news aktuell

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