Rede von Staatsministerin Cornelia Pieper auf dem Wirtschaftstag der Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt

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2011
— es gilt das gesprochene Wort! —
Sehr geehrte Damen und Herren,
erlauben Sie mir, unserer Hausherrin einen ganz besonderen Dank auszusprechen, dass wir bei der Telekom zu Gast sein dürfen!
Frau Nemat, Sie bestreiten heute einen Ihrer ersten öffentlichen Auftritte als Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom. Das erfüllt uns mit Freude. Alles Gute für Ihre verantwortungsvolle Aufgabe! Dass die Wahl auf Sie als kompetente Frau fiel, erinnert mich an die Worte der britischen Ex-Premierministerin Maggie Thatcher: „Wollen Sie in der Politik etwas gesagt bekommen, wenden Sie sich an einen Mann, wollen Sie etwas getan bekommen,
wenden Sie sich an eine Frau.“
Ich bin von Ihrer zupackenden Art überzeugt wie die Anwesenden auch!
Den jungen Mann, den Sie am Eingang in seinem Originalhabit begrüßen durften, haben Sie hoffentlich als den Reformator Martin Luther erkannt. Auch er war von der Geschäftstüchtigkeit von Frauen überzeugt. Katharina von Bora, seine Frau, verwaltete und bewirtschaftete die umfangreichen Ländereien des Klosters von Wittenberg und trug durch ihr unternehmerisches Geschick maßgeblich zum Erfolg des Reformators bei.
Luther wiederum ist die „personifizierte“ Auswärtige Kulturpolitik. Nicht nur als Reformator, sondern auch als Initiator der deutschen Sprache als Schriftsprache.
Die Lutherdekade endet 2017 und wir werben natürlich auch mit Persönlichkeiten aus unserer Kulturgeschichte weltweit für die deutsche Sprache und Kultur.
Unzweifelhaft steht Luther und die Reformation als Wegbereiter von Freiheit und unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung für eine Kultur von Freiheit und Verantwortung, die den Wertekanon unserer demokratischen Gesellschaften bildet.
Kultur ist das Wertegerüst für unsere Gesellschaft und die Wirtschaft. Und Auswärtige Kulturpolitik ist nicht ohne Grund wichtiger Bestandteil deutscher Außenpolitik.
Ich könnte es auch diplomatisch mit Goethe sagen: „Kunst ist die Vermittlerin des Unaussprechlichen.“
Das Auswärtige Amt wirbt für die deutsche Sprache im Ausland. Die Zahl der Deutschlerner weltweit ist rückläufig (14,5Mio), in vielen Staaten wurde die 2. Fremdsprache als Pflichtsprache an den Schulen abgeschafft. Wir wollen mit der Förderung der deutschen Sprache den Boden fruchtbar machen für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland, aber auch jungen Menschen, insbesondere in Krisenregionen dieser Welt, in ihrem Land neue Perspektiven eröffnen.
150 Goethe Institute, 140 deutsche Auslandsschulen , 1500 ausländische Partnerschulen (PASCH- Initiative), deutsche Universitäten zum Beispiel in Kairo, Istanbul, Ho-Chi- Minh-Stadt Almaty/Kasachstan oder die Donauuniversität in Budapest, DAAD, Alexander-von-Humboldt-Stiftung bilden nicht nur in der deutschen Sprache aus, sondern in ihnen wachsen auch die Eliten von morgen heran.
Deshalb investieren wir auch zusätzlich in Deutschlernprogramme oder in eine „Exzellenzinitiative innovatives Lernen“ für die deutschen Auslandsschulen. Wir wollen diese Schulen zu den Vorzeigeschulen des deutschen Bildungssystems mit den MINT-Fächern, digitalen Lernen, in Fremdsprachen und interkultureller Bildung machen.
Das sind auch Ihre Zukunftswerkstätten für hochqualifizierte Fachkräfte und Facharbeiter auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Dazu brauchen wir die deutschen Unternehmerinnen und Unternehmer als Partner!
Durch die Präsentation von Kultur und Bildung im Ausland, sind die Botschaften und Konsulate die wichtigsten Marketingunterstützer der Deutschen Wirtschaft.
Der arabische Frühling ist von historischer Dimension. In ihm wird die Verbindung zwischen Werten und Interessen augenfällig. In der arabischen Welt wird um universelle Werte wie Meinungs-, Versammlungs- oder Pressefreiheit gerungen. Wir stehen auf der Seite derer, die sich gegen Zwangsherrschaft erhoben haben und sich für einen genuinen Wandel und ein Leben in Würde einsetzen, nicht nur in Ägypten und Tunesien, sondern auch in Syrien und Libyen. Oder denken Sie an das Nachbarland Algerien. Ein riesiger Staat mit einer relativ geringen Einwohnerzahl von rund 32 Millionen. Davon waren in 2010 allerdings gut 25 Prozent jünger als 15 Jahre. Bedenken Sie bitte, was das bedeutet und welches Potential in einer so jungen Gesellschaft schlummert. Wir wollen mit einer Transformationspartnerschaft deutsche Außenpolitik in der Region gestalten und helfen, die zivilgesellschaftlichen Kräfte in Algerien und der Region zu wecken.
Mehr Demokratie durch Bildung! Durch Investition in die Köpfe, auch in die duale Berufsausbildung wollen wir sehr schnell eine Perspektive vor allem für junge Menschen in den nordafrikanischen Ländern schaffen. Auch um der Gefahr der Islamisierung entgegenzuwirken.
Bereits im Februar dieses Jahres haben wir daher Ägypten und Tunesien im Rahmen sogenannter Transformationspartnerschaften substantielle Unterstützung angeboten, im Globalisierungsbeirat des Auswärtigen Amts haben wir Nordafrika exemplarisch für die Verknüpfungen zentraler Klima-, Sicherheits- und Wirtschaftsbelange identifiziert.
Wir unterstützen das Ziel, die Wüsten Nordafrikas mit der intensiven und stabilen Sonneneinstrahlung zur nachhaltigen Energieversorgung zu erschließen ? Stichwort DESERTEC. Diese Initiative, die zu den Kernpunkten unserer Transformationspartnerschaften gehört, ist ein klassisches „Win-Win-Projekt“. Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie habe ich im Auswärtigen Amt einen Runden Tisch mit Botschaftern der Länder Nordafrikas und weiteren wichtigen Akteuren und Entscheidungsträgern ins Leben gerufen. Wir setzen auf eine energiepolitische Transformation und unterstützen nachhaltig die politische und wirtschaftliche Transformation in den dortigen Ländern, indem Know how, qualifizierte Arbeitsplätze, gerade für die Jugend, und Wertschöpfung vor Ort geschaffen werden. Unser Ziel ist die Schaffung eines integrierten euro-mediterranen Energiemarktes.
Die deutsche Wirtschaft hat diese Chancen erkannt und sich von Anfang an engagiert. Spitzenverbände wie der BDI, der DIHK und die Auslandshandelskammern haben Projekte wie den Beschäftigungspakt in Ägypten oder Ausbildungsinitiativen in Tunesien initiiert und getragen.
Auch in diesem Jahr haben wieder über tausend engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer diese Einladung zum Dialog mit dem Auswärtigen Amt angenommen. Bei den Gesprächen unter dem Motto „Globalisierung gestalten ? den Wohlstand Deutschlands sichern.“ wurde ganz deutlich:
Deutschlands hohes Ansehen in der Welt gründet sich nicht zuletzt auf das hohe Ansehen der deutschen Wirtschaft bei unseren internationalen Partnern und dafür möchte ich Ihnen heute Abend ausdrücklich Dank sagen. Dem Auswärtigen Amt ist der Dialog mit Ihnen sehr wichtig.
Auch in diesem Jahr haben wir in zahlreichen Diskussionsrunden von der Kompetenz der Leiterinnen und Leiter der deutschen Auslandsvertretungen und deutscher Unternehmen profitieren können, um gemeinsam bei aktuellen Themen der deutschen Außenwirtschaft bestmögliche Ansätze für künftiges Handeln zu finden.
Die Diskussionen haben viele aufschlussreiche Ergebnisse hervorgebracht:
Wir haben heute Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung der Außenwirtschaftsförderung beraten. Welche Möglichkeiten bieten neue Geschäftsfelder in den Megastädte Asiens und Lateinamerikas und wie können wir die Wettbewerbsbedingungen für deutsche Unternehmen in Afrika verbessern? Wie können Wirtschaft und Bundesregierung zusammenarbeiten, um die Herausforderungen auf den Energie- und Rohstoffmärkten oder bei der Entwicklung der Elektromobilität zu bewältigen?
Ich danke Ihnen für Ihre Anregungen und Vorschläge. Sie helfen uns damit, unsere Außenwirtschaftsförderung noch bedarfsnäher zu gestalten.
lobalisierung gestalten bedeutet auch: Wir müssen unsere Wertvorstellungen und Interessen aktiv einbringen, wenn wir ihnen Geltung verschaffen wollen. Es zeigt sich immer deutlicher: Werte und Interessen bedingen einander, sie sind zwei Seiten derselben Medaille.
Die Globalisierung hat Wirkungen, die schon oft diskutiert worden sind: die Beschleunigung des Austauschs, das Zusammenrücken der Welt. Aber es gibt ein Drittes: die offensichtliche Vernetzung und gegenseitige Verflechtung der Themen. Zum Beispiel: Klimawandel führt zu Lebensmittelknappheit und zu politischen Instabilitäten. Das Gleiche kann man für die Themen Wasser, Energie, Rohstoffe sagen.
Das Entscheidende sind nicht mehr die einzelnen Fachthemen, das Entscheidende sind diese Verbindungslinien, diese Schnittstellen.
Die Globalisierung stellt uns im Auswärtigen Amt vor die Aufgabe, an diesen Schnittstellen ökonomischer Erfordernisse und internationaler Beziehungen die Fülle der bilateralen Einzelthemen in einen kohärenten außenpolitischen Zusammenhang einzuordnen. Außenpolitik ist Globalisierungspolitik. Deshalb habe ich einen Globalisierungsbeirat aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ins Leben gerufen.
Erlauben Sie mir ein Wort zu unserer europäischen Identität.
Die Europäische Union ist eine Freiheitsunion, zu der es für uns als Deutsche keine Alternative gibt. Das schließt auch den EURO mit ein, für den wir nun eine stärkere auch politische Union brauchen. Der EURO ist eine Erfolgsgeschichte ? und Sie als Unternehmerinnen und Unternehmer wissen dies am allerbesten. Daher brauchen wir jetzt die notwendige Koordinierung und Zusammenfassung der Wirtschafts-, Finanz- und Währungspolitik auf Basis einer vernünftigen Stabilitätskultur (und Sie sehen: auch hier kommt wieder der Begriff „Kultur“ durch die Hintertür).
Erst gestern weilte ich mit den 3 Gründungsvätern des Weimarer Dreiecks. Tadeusz Mazowiecki, Hans-Dietrich Genscher und Roland Dumas waren zum 20. Jubiläum im Nationaltheater in Weimar auf Einladung der thüringischen Landesregierung und des Komitees Weimarer Dreiecks anwesend. Mazowiecki, der erste Ministerpräsident des freien Polens, sagte: „Was Europa fehlt ist der Glaube an sich selbst, an eine Zukunft an den „Weimarer Geist“. Ich füge hinzu: Uns hat Europa viel gegeben, all das was heute all zu schnell als selbstverständlich erachtet wird; Frieden, Freiheit, Wachstum und Wohlstand! Und Hans-Dietrich Genscher brachte es auf den Punkt: Wir brauchen nicht weniger, wir brauchen mehr Europa!
„Globalisierung gestalten ? den Wohlstand Deutschlands sichern“, dies bedeutet nicht nur, Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen, sondern auch, die Vernetzung von Gesellschaften, Wissenswelten und Kulturen zu fördern. Denn Innovation und Schaffenskraft, Fachwissen und Bildung sind unerlässliche Faktoren unserer Wettbewerbsfähigkeit. Unsere Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik fördert den gesellschaftlichen Austausch und ist damit tragende Säule unserer Außenpolitik. Sie bietet Raum für Dialog, fördert Vertrauen und schafft eine Basis für verlässliche Partnerschaften.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ist für das Auswärtige Amt in der Außenwirtschaftsförderung und in der Auswärtigen-Kultur und Bildungspolitik ein unverzichtbarer Partner. Ich freue mich sehr, dass wir den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Dr. Martin Wansleben, dafür gewinnen konnten, heute zu uns zu sprechen.
Mein ganz besonderer Dank gilt zum Schluss denen, die den heutigen Abend erst möglich gemacht haben. Ich möchte der Deutschen Telekom und insbesondere Frau Nemat und Herrn Ropers danken, dass wir in den historischen und zugleich wunderbar modern ausgestatteten Räumlichkeiten Ihrer Hauptstadtvertretung zu Gast sein dürfen. Auch Siemens in Gestalt von Herrn Ischler, Lanxess Herrn Neukirchen sowie dem DIHK in Gestalt von Herrn Dr. Wansleben möchte ich meinen Dank aussprechen. Sie alle haben dazu beigetragen, dass wir einen würdigen Rahmen für diese Abschlussveranstaltung finden konnten.
Liebe Gäste, haben Sie noch einmal vielen Dank dafür, dass Sie heute nach Berlin gekommen sind und aktiv an unserem Wirtschaftstag teilgenommen haben. Die Türen des Auswärtigen Amtes und seiner Auslandsvertretungen stehen offen für deutsche Unternehmen. Zögern Sie nicht, sich an uns zu wenden, und nutzen Sie die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Vielen Dank!

Heute hat mir ein Teilnehmer unter Ihnen zugerufen „Wenn es diesen Wirtschaftstag der Botschafterkonferenz nicht schon gäbe, müsste man ihn erfinden.“ Dem kann ich nur zustimmen und hinzufügen: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es!“ (Erich Kästner)

Auswärtiges Amt
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