Rheinische Post: Gestern Wutbürger, heute Guttbürger

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Es ist immer das Gleiche: ob für den harten,
aber fairen Talkmaster im Ersten, die Anrufsendung im WDR-Radio, die
Leserbriefredakteure jeder deutschen Zeitung oder die
Meinungsforscher jedes deutschen Senders. Sie alle sehen sich dem
Phänomen Dr. a. D. Karl-Theodor zu Guttenberg gegenüber. Was immer an
Vorwürfen publiziert wird, der Verteidigungsminister an Fehlverhalten
einräumt, er bleibt der Deutschen sympathischster,
vertrauenswürdigster Politiker. Zwar fallen seine Beliebtheitswerte
leicht, dafür stoßen aber Rücktrittsforderungen aus Politik und
Publizistik bei drei Viertel der Bundesbürger auf Ablehnung oder
sogar aggressives Unverständnis. Kein Argument gegen den Minister
findet derart Widerhall, dass es die Guttenbergsche Stärke ernsthaft
erschütterte: weder sein Lavieren noch die offensichtlichen Plagiate
oder der Verlust bürgerlichen Ansehens, auch von Würde, den er
erlitten hat. Die Kritik an zu Guttenberg findet den Minister als
Ziel, aber sie trifft ihn nicht grundsätzlich. In zu Guttenbergs Fall
wird die zunehmende Entfremdung zwischen der politischen Klasse, auch
Teilen der mit ihr verwobenen medialen Kaste und einem Gutteil der
Bevölkerung offensichtlich. Es beginnt bei der Perspektive, aus der
die Plagiatsvorwürfe bewertet werden. Die akademisch geprägten
Schichten, aus denen sich Politik und Medien rekrutieren, sehen mit
Blick auf ihre eigene Biografie Guttenbergs Taten als
„Kapitalverbrechen am System der Wissenschaft“ (der Politologe Jürgen
Falter). Wer aber mit diesem System nicht vertraut ist oder wie viele
Hochschulabsolventen vor allem die berufsvorbereitende Dimension
eines Studiums kennengelernt hat, rückt Guttenbergs Vorgehen in den
Rang der „Googlelei-Schummelei“, des Kavaliersdelikts. In diesen
Kreisen wird derzeit gern auf den häufig nur behaupteten, aber nicht
belegten Wert wissenschaftlichen Arbeitens an Universitäten
verwiesen. Der Doktortitel gilt hier als eine Art Meisterprüfung für
Mediziner und ansonsten als reihenweise vergebene Auszeichnung von
lediglich schmückendem Wert. Wer so denkt, der ist empfänglich für
den zu Guttenbergschen Umgang mit seiner Krise. Zu Guttenberg setzt
auf die Strategie, die sein engster Verbündeter im Überlebenskampf,
die „Bild“-Zeitung, pardon, so formulierte: „Macht einen guten Mann
nicht kaputt. Scheiß auf den Doktor.“ Seinen Aufstieg in der Politik
hat zu Guttenberg der Verkörperung des Antipolitikers zu verdanken:
glaubwürdiger, unerschrockener, unabhängiger als der
durchschnittliche Politiker eilte er im Rekordtempo in die
Spitzenriege. Er befriedigt die Sehnsucht weiter Teile der
Bevölkerung nach einem Politiker, der „Klartext“ spricht und sich mit
„dem Volk“ gegen „die da in Berlin“ solidarisiert. Der Wutbürger wird
zum Guttbürger. Dieses Phänomen ist in Deutschland noch relativ neu
und wurde von Horst Köhler in das politische System eingeführt.
Danach machte es sich Thilo Sarrazin in der Debatte um seinen
Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ zunutze. Köhler war jedoch
anders als zu Guttenberg und Sarrazin kein Berufspolitiker und mit
einem schwächeren Nervenkostüm ausgestattet. „Wir stehen das
gemeinsam durch“, ließen zu Guttenberg und seine Frau etwa diese
Woche über ein buntes Blatt verlauten. Gerade so, als sei eine
abgeschriebene Doktorarbeit mit einer schweren Krankheit
vergleichbar. Die Rolle des aufrechten Außenseiters besetzt seit
Köhlers Fahnenflucht und Sarrazins Drift ins Vergessen allein zu
Guttenberg. Sie kann ihn nach einer Phase der Rekonvaleszenz noch zu
höchsten Weihen führen. In den USA jedenfalls ist sie mittlerweile
die einzige Möglichkeit, das Präsidentenamt zu erlangen. Der
„Anti-Washingtonian“ war das Leitmotiv für Barack Obama wie vor ihm
George W. Bush. Auch hier plagiiert zu Guttenberg, jedoch
erfolgreich. So ist zu Guttenbergs stärkstes Argument nicht
zweifelsfrei vorhandene politische Leistung. Seine Exit-Strategie
besteht aus seiner Popularität, in die er wie in Drachenblut
eintaucht. Historisch vergleichbar ist das allenfalls mit Joschka
Fischer. Dieser überstand 2001 Fotos, die ihn beim Verprügeln eines
Polizisten zeigten, mit ähnlicher Chuzpe. Fischer gab ebenfalls den
Antipolitiker. Er zelebrierte im Gegensatz zum Aristokraten zu
Guttenberg die Rolle als verlorener Sohn, den das Bürgertum wieder in
die Arme schließen durfte: ob dick oder dünn, jedenfalls im
Dreiteiler. Von Fischer hat man in der Guttenberg-Affäre noch nichts
gehört. Er wird wissen, warum.

Pressekontakt:
Rheinische Post
Redaktion

Telefon: (0211) 505-2303

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