Warum die Ostdeutschen weiter an Russland glauben

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Ein Lausitzer schaut voll Sehnsucht nach Osten: „Russland hat einen Frauenüberschuss von zehn Millionen“, sagte der Mann im grünen Holzfällerhemd. „Und ich habe keine Frau.“ Das war bei einem Diskussionsabend in Löbau, wo es um Frauenmangel ging. Der Mittfünfziger schaute etwas verlegen, als er seinen persönlichen Mangel berichtete. Die gastgebende Fraueninitiative zeigte auch Verständnis. Mut hatte er ja. Seine Einlassung erfrischte das trübselige Lausitzer Demografie-Thema. Und lieferte ein handfestes Pro-Russland-Argument.

Das Reich ganz tief im Osten macht aktuell auf eine Weise von sich reden, die das gesittete Mitteleuropa aufschrecken lässt: Ein vergifteter Oppositioneller wird am Flughafen verhaftet und kurz darauf ins Straflager geschickt. Der Präsident besitzt goldene Toilettenbürsten im Wert von 700 Euro.

Solche Nachrichten produzieren im Osten Deutschlands Erklärungsnot, etwa bei Matthias Platzeck. Der gewesene Ministerpräsident von Brandenburg und jetzige Metropolit des Deutsch-Russischen Forums windet sich dieser Tage um Aussagen zu Alexej Nawalny. Während alle Welt über neue Wirtschaftssanktionen nachdenkt, will Platzeck die bestehenden sogar abschaffen, denn die hätten „nichts verbessert“. Wichtiger sei doch die Frage, „wie wir perspektivisch mit diesem Land und diesen Verhältnissen umgehen wollen“.

Viele Ostdeutsche sind Russland in zärtlicher Nostalgie verbunden. Da ist die Faszination für dieses gigantische Stück Welt, wo obszöner Toilettenbürsten-Reichtum und bittere Blockhütten-Armut so nah beieinanderliegen. Man meint, dieses Land zu kennen, weil ein Schwager 1978 mit der Brigade in Leningrad war und davon tolle Geschichten erzählt. Man trinkt lieber Wodka als Gin. Die gefühlte Nähe färbt das Urteil über die harte Realität beträchtlich ein. Und das ist gut so.

Die vielgestaltigen Beziehungen zwischen Ost und Weit-Ost sind das Ergebnis jahrzehntelang praktizierten Wandels durch Annäherung. Jener hochvernünftigen Politik, die die Fronten des Kalten Krieges aufweichen sollte. Das hat zwar gedauert, aber schließlich geklappt. Reden ist immer besser als Krieg. Schüler austauschen kommt langfristig günstiger als Legionäre losschicken. Ein Ergebnis solcher Annäherung ist die junge russische Zivilgesellschaft, die jetzt bei 41 Grad minus gegen das Regime demonstriert, das das Reich seit 30 Jahren ausplündert. Es ist dieselbe junge Generation, die jetzt und hier die Lausitz neu gestaltet.

Sicher führt Annäherung auch zu Missverständnissen. Der ostdeutsche Glaube an das friedfertige Mütterchen Russland ist eben auch das Ergebnis von Jahrzehnten Propaganda. Daran haben bislang auch Nachrichten über hybride Kriege oder Demonstrationen, deren Teilnehmer wagenladungsweise verhaftet werden, nichts ändern können. Russland gilt vielen als Schutzmacht gegen eine brutale Globalisierung.

Dieser Glaube resultiert aus der alten Wunschvorstellung, es sei eben doch das freundlichere Imperium gewesen, das einen in der Zange hielt. Gehalten hat sich auch die Vorstellung von einem Land, in das man fährt und sich eine Frau mitbringt. Nicht jede Verständigung führt zu besserem Verständnis.

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