Weichen für Automobilität stellen / Dass sich der Autogipfel mit auf einen milliardenschweren Zukunftsfonds verständigte, ist richtig. Doch für den Umbruch ist mehr nötig. Von Reinhard Zweigler

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Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen werde eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren, meinte einst Gottlieb Daimler. Doch in dieser Frage irrte der große deutsche Ingenieur und Firmengründer gewaltig. Allein 43 Millionen Personenkraftwagen fahren – oder stehen – in Deutschland herum. Etwa eine Million Autos können rein oder zumindest teilweise elektrisch fahren. Weil Deutschland immer noch das Autoland Nr. 1 ist, müssen gerade hier die Weichen für die Zukunft der Automobilität richtig und rechtzeitig gestellt werden.

Das Forum, auf dem Industrie, Gewerkschaft, Bund und betroffene Länder über dieses Mega-Thema beraten, sind die regelmäßigen Autogipfel. Bundeskanzlerin Angela Merkel war gestern zum letzten Mal in ihrer Amtszeit Gastgeberin dieser hochkarätigen – Corona-bedingt digitalen – Veranstaltung. Dabei setzte Merkel in ihrer viermaligen Kanzlerinnenzeit das fort, was andere Regierungschefs, von Helmut Kohl bis „Autokanzler“ Gerhard Schröder, vor ihr auch vorgaben: die Autoindustrie mit Hunderttausenden Jobs ist Chefsache. Keine Branche hat so oft und unkompliziert Zugang zum Kanzleramt wie die großen Autokonzerne, von Volkswagen, Mercedes, BMW bis Opel und Ford. Ihr Einfluss auf die Politik war und ist entsprechend groß, wenngleich das Verhältnis nicht mehr ungetrübt ist. Und dies liegt nicht nur am Dieselskandal, in den die Autogiganten mehr oder weniger tief verwickelt sind.

Zuletzt hatte die EU, aber auch die Bundesregierung, ihre Klimaziele verschärft. Das wiederum hat gewaltige Auswirkungen auf die künftige Automobilität, auf Autoindustrie, Zulieferer, Infrastruktur, regionale Wirtschaft. In der Oberpfalz hängen Zehntausende Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Autoindustrie ab. Die alles entscheidende Zukunftsfrage lautet: wie gelingt der Strukturwandel zu umweltfreundlicheren Antrieben in zunehmend digital gesteuerten Automobilen?

Der Gipfel im Kanzleramt hat jetzt für die Transformation in das automobile Elektro-Zeitalter einen weitere Milliarde Euro in einem „Zukunftsfonds“ ins Schaufenster gestellt. Gut und richtig ist dabei, dass das Geld nicht nur Forschung und Entwicklung sowie den Umbau bei den großen Konzernen unterstützen soll, sondern auch die Zuliefererregionen – Neudeutsch Cluster – in den Fokus nimmt. Auch Firmen, die etwa seit Jahren Teile und Systeme für Diesel- und Benzinfahrzeuge herstellen und dies noch weiter tun, brauchen Alternativen, neue Geschäftsfelder in der automobilen Zukunftswelt. Die hochgelobte Elektromobilität eröffnet zugleich neue Chancen für Firmenneugründer. All dies muss eine vorausschauende Strukturpolitik im Auge haben.

Gleichzeitig benötigt die Elektromobilität erhebliche Voraussetzungen in der Infrastruktur. Doch gerade da hapert es, auch wenn es Fortschritte gibt, immer noch. Und es existiert eine Urangst, die den E-Auto-Kauf bremst, nämlich die, mit leerer Batterie irgendwo liegenzubleiben. 2000 neue Ladepunkte müssten deutschlandweit jede Woche dazu kommen, rechnet der mächtige Automobilverband vor. Realisiert wird derzeit aber gerade mal ein Zehntel dieser Summe. Allen millionenschweren Förderprogrammen von Verkehrsminister Andreas Scheuer zum Trotz reicht das Tempo nicht aus. Zudem ist das Strom-Tanken kompliziert und zeitraubend. Kritisch hinterfragt werden muss zudem die übergroße Orientierung in der Politik auf den Elektro-Antrieb per Batterie. Für Lkw, Schiffe oder Flugzeuge sind schwere Akkus ohnehin keine Option. Aber auch für den Pkw-Bereich dürfen technologische Entwicklungen wie der Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antrieb oder synthetische Kraftstoffe, die mit Hilfe von Ökostrom erzeugt werden, nicht außen vor bleiben. Es werden Übergangstechnologien und eine technologieoffene staatliche Förderung benötigt. Viele Wege führen in eine klimafreundlichere automobile Zukunft.

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