Atomare Erblasten / Was frühere Generationen versäumt haben, drängt nun nach einer Lösung: Ein atomares Endlager ist nötig. / Leitartikel von Christine Schröpf

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Noch zehn Wochen und Bayern streitet womöglich nicht nur über Stromtrassen und Windräder, sondern über ein weit brisanteres Projekt – ein atomares Endlager für hochradioaktiven Müll, für das es auch im Freistaat potenziell geeignete Standorte geben könnte. Bundesweit gesucht wird eine wuchtige Formation aus Granit, Ton oder Salz, in der rund 27 000 Kubikmeter Müll beziehungsweise 1900 Castoren sicher weggeschlossen werden können. Es kursiert, dass auch Gesteine in der Nordoberpfalz oder der Region um Passau in Frage kommen könnten. Die Regierungsparteien CSU und Freie Wähler haben zwar per Koalitionsvertrag ausgeschlossen, dass in Bayern irgendwo irgendetwas Geeignetes zu finden ist. Doch das ist nicht mehr als ein politisches Statement – noch dazu ein kontraproduktives. Es ist taktisch unklug, sich von vornherein aus der Bringschuld zu nehmen, steuert der Freistaat doch rund ein Viertel zum bundesdeutschen Atommüll bei. Das Veto ist nur rein emotional betrachtet verständlich. Ehrlicherweise hofft jeder Ministerpräsident, dass ihm ein Endlager erspart bleibt. Der Münchner Koalitionsbeschluss konterkariert jedoch ein Verfahren, auf das sich alle Bundesländer geeinigt hatten, als 2013 nach Jahrzehnten der Fokussierung auf den niedersächsischen Standort Gorleben die Suche wieder auf Null gesetzt wurde. Konsens war, dass transparent und auf wissenschaftlicher Basis mit viel Bürgerbeteiligung die bestmögliche Entscheidung getroffen wird. Das lässt sich nicht per bayerischem Sonderweg aushebeln. Der Ball liegt vielmehr bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung. Sie will am 30. September im ersten Schritt bekannt geben, welche Standorte mangels Eignung tatsächlich ausscheiden und wo sich ein genauerer, zweiter Blick lohnt. Wobei der Weg bis zum Herausfiltern des besten Standorts – und in der weiteren Folge zum Bau eines Endlagers – sehr, sehr lang ist. Erst 2050 soll das Projekt vollendet sein. Das Problem der atomaren Endlagerung, von früheren Generationen vertagt, fällt damit der jetzigen Generation vor die Füße. Eine schlechte Entscheidung oder gar eine Blockadehaltung wird zur Erblast für alle Bürger, die irgendwann in der Zukunft geboren werden. Es wird spannend, zu wie viel Verantwortungsgefühl diese Konstellation führt. Sicher ist, dass ab 30. September alle Regionen in erhöhte Alarmbereitschaft wechseln, die auf der Liste geblieben sind. Unstrittig muss bei aller Aufregung sein, dass es einen Platz braucht, an dem hochradioaktiver Müll dauerhaft verwahrt werden kann. Die atomaren Zwischenlager quer über die Republik können nicht zu oberirdischen Mini-Endlagern umfunktioniert werden. Im Freistaat sind die Depots an den Kraftwerksstandorten Isar, Grafenrheinfeld und Gundremmingen aktuell mit insgesamt 200 Castoren gefüllt – rund 350 werden es sein, wenn das letzte bayerische Kraftwerk vom Netz geht. Wer glaubt ernsthaft, dass die Castoren dort in den nächsten vielen tausend Jahren besser aufgehoben sind? An ein Endlager werden Anforderungen gestellt, die teils fantastisch klingen: So soll es für eine Million Jahre den Atommüll versiegeln, was allein die Frage aufwirft, wie man bis in die fernste Zukunft das Wissen um das Depot samt seiner Besonderheiten überliefert. In den ersten 500 Jahren soll das Material zudem grundsätzlich bergbar sein, falls in einigermaßen absehbarer Zeit neue, bessere Möglichkeiten einer Sicherung bekannt werden. So mancher träumt, das hochradioaktive Zeugs anderswo auf der Welt in die Erde zu versenken. Das Standortauswahlgesetz schließt eine St. Florians-Strategie jedoch aus. Es mangelt auch an Ländern, die das sicher übernehmen könnten und möchten. Eine alternative EU-weite offene Suche ist keine Option. Was, wenn der weit und breit beste Standort am Ende in Deutschland liegt? Die Bundesrepublik müsste auf Dauer noch mehr Müll wegschlichten, auch aus EU-Ländern, in denen Kernkraftwerke noch lange laufen. Das Problem hätte sich maximiert.

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