BERLINER MORGENPOST: Tolles Luftschloss / Kommentar von Wolfgang Mulke zum Deutschland-Takt der Bahn

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Kurzform: Die Idee ist ebenso einfach wie schön.
Zwischen den großen Städten fährt alle halbe Stunde pünktlich ein
Zug. Die kleinen Städte werden stündlich an die Knotenpunkte
angebunden. Der Fernverkehr auf der Schiene bedient wieder alle
größeren Städte und alles rollt zuverlässig. So sieht der
Deutschland-Takt aus, den Gutachter für Verkehrsminister Andreas
Scheuer (CSU) entwickelt haben. Angesichts der vielen Baustellen im
Schienenverkehr erscheint der Deutschland-Takt allerdings als tolles
Luftschloss, als reines Wunschdenken.

Der vollständige Kommentar: Die Idee ist ebenso einfach wie schön.
Zwischen den großen Städten fährt alle halbe Stunde pünktlich ein
Zug. Die kleinen Städte werden stündlich an die Knotenpunkte
angebunden. Der Fernverkehr auf der Schiene bedient wieder alle
größeren Städte und alles rollt zuverlässig. So sieht der
Deutschland-Takt aus, den Gutachter für Verkehrsminister Andreas
Scheuer (CSU) entwickelt haben. Angesichts der vielen Baustellen im
Schienenverkehr erscheint der Deutschland-Takt allerdings als tolles
Luftschloss, als reines Wunschdenken. Es müssten teure Neubaustrecken
geplant und finanziert werden. Auch die Verdoppelung der Gleise auf
manchen Trassenabschnitten erfordert lange Planungsvorläufe und viel
Geld. Dabei reichen Geld und Baukapazitäten bereits heute nicht
einmal zur überfälligen Sanierung des bestehenden Netzes. Dazu kommen
Engpässe, etwa an den nicht mehr ausbaufähigen Hauptbahnhöfen in
Hamburg und Köln, die das schöne Konzept zu Fall bringen könnten.
Allzu viel Vorfreude auf moderne Zeiten sollten Bahnfahrer also erst
einmal nicht haben. Dennoch ist es richtig, für den Schienenverkehr
eine tragfähige Zukunftsvision zu entwickeln. Es ist nicht so
wichtig, ob der Deutschland-Takt schon 2030 komplett eingeführt
werden kann oder erst viel später und häppchenweise. Viel wichtiger
sind stetige Investitionen in die Infrastruktur, um das Netz endlich
auf Vordermann zu bringen und mit digitaler Technik zukunftsfähig zu
machen. Die große Koalition zeigt hier mehr Bereitschaft als alle
ihre Vorgänger. Doch ein Blick auf die bereitgestellten Summen lässt
erahnen, dass sie es doch eher mit dem Auto und dem Lkw hält. Von den
Gesamtinvestitionen des Verkehrswegeplans von 273 Milliarden Euro
fließen gerade 112 Milliarden Euro in die Schiene.

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