Gefährlich wenig Nähe / Die Pandemie diktiert persönliche Distanz auch zwischen Politikern und Bürgern. Dabei wäre direktes Feedback gerade in diesen aufgeheizten Zeiten doppelt wichtig.

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Die Pandemie beraubt Politiker ihres wichtigsten Korrektivs: Der ständige, direkte Kontakt mit der Basis – in normalen Zeiten ein unverzichtbares Frühwarnsystem – fällt den Distanzregeln zum Opfer. Eine schwierige Situation, gerade im Super-Wahljahr 2021. Bürger, deren Ärger überhört wird, haben jede Menge Chancen, Denkzettel zu verteilen und die Machtverhältnisse für die nächsten vier bis fünf Jahre neu auszutarieren. Das politische Gerangel um die Gunst der Unzufriedenen ist bereits in Gang, teils auch mit unlauteren Mitteln.Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz in eineinhalb Wochen sind vor diesem Hintergrund ein mit hoher Spannung erwarteter Stimmungstest. Dort wird sich zeigen, wie heftig es nach einem Jahr Pandemie im Land brodelt, wer abgestraft wird und wer von Unzufriedenheiten profitiert. Aktuelle Umfragen, in denen die Zustimmung zu einem harten Corona-Kurs à la Kanzlerin Angela Merkel oder Ministerpräsident Markus Söder bröckelt, bilden die Wirklichkeit vermutlich nicht im vollen Ausmaß ab. Die echte Rechnung wird am Wahltag gemacht.Dieses Jahr werden sechs Landtage neu besetzt, zudem der Bundestag. Angesichts des schleppenden Verlaufs der Corona-Impfungen und neuer Virus-Mutanten dürften weite Strecken des Wahlkampfs durch Distanzregeln und Hygienevorschriften beherrscht sein. Großkundgebungen, Haustürwahlkampf, Infostände: All das wird erzwungenermaßen ins Virtuelle verlagert werden müssen. Wie wenig digitale Formate mit dem üblichen Ringen um Wählerstimmen und dem Mobilisieren der eigenen Anhänger zu tun haben, war jüngst beim politischen Aschermittwoch zu betrachten. Selbst die CSU, die mit allerhand Schnickschnack das Beste aus dem Format herausholte, blieb weit vom Original entfernt. Die Zuschauer, die auf eine Riesenleinwand zugeschaltet wurden, waren nicht viel mehr als schmückendes Beiwerk. In regulären Jahren können sie dagegen Parteichef Söder allein durch betontes Schweigen oder ein plötzliches Raunen fast körperlich fühlen lassen, wo der Rückhalt seine Sollbruchstelle hat.Ohnehin ist nur ein Teil des eigenen Klientels digital zu erreichen – und das gilt nicht nur für die Ü80-Fraktion. Die Parteispitzen haben das erkannt: Kanzlerkandidaten in spe sowie der bereits gekürte Frontman Olaf Scholz (SPD) laufen in entsprechend hoher Taktung in allen Talkshows auf. Unmittelbaren Kontakt zu Bürgern liefern aber auch diese Runden nicht. Es ist nur eine weitere Krücke bei der politischen Überzeugungsarbeit. Und sie steht nicht den Politikern in der zweiten, dritten oder vierten Reihe zur Verfügung, geschweige denn den politischen Neulingen, die in den Bundestagswahlkreisen für sich trommeln müssen.Das Politikgeschäft, das seit einem Jahr fast ausschließlich um Corona mit all seinen Nebeneffekten kreist, vollzieht sich unter denkbar widrigen Bedingungen. Das wird auch den Corona-Gipfel der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten an diesem Mittwoch prägen: Die Protagonisten stochern in vielerlei Weise im Nebel: Unzweifelhaft ist zwar der drängende Wunsch der Bürger nach Lockerungen, doch dann wird es schon wieder vage: Die einen wollen erst freie Bahn für alle Schulen die anderen für den Handel. Den einen sind offene Biergärten am wichtigsten, den anderen offene Theater. Neue Unzufriedenheiten sind damit vorprogrammiert, weil alles gemeinsam nicht gehen wird – schon mit Blick auf die Virus-Mutanten, die an zu vielen Orten die Zahlen bereits wieder leicht ansteigen lassen.Vielleicht verlieren in diesen verrückten Zeiten mit gefährlich wenig Nähe zueinander nicht nur Politiker bisweilen den Kompass, sondern auch hochverärgerte Bürger. Jenseits von persönlicher Betroffenheit fällt uns gerade allen schwer, die Not und Nöte der vielen anderen zu begreifen.

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