Keine Sonderregeln zum Umgang mit Geimpften und Genesenen

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Virologen und Juristen fordern Öffnungsstrategien für Geimpfte und Genesene / „Report Mainz“ heute, Di., 30.3.2021, 21:45 Uhr im Ersten

Mainz. Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“ fordern anerkannte Virologinnen und Virologen von der Politik, Geimpfte und Genesene in Öffnungsstrategien einzubeziehen. Sie widersprechen damit der Einschätzung des Robert Koch-Instituts. Das RKI geht davon aus, dass die wissenschaftliche Datenlage bisher noch nicht ausreiche, um eine Aussage zu Wirkung und Schutz vor weiteren Ansteckungen durch die Impfung zu treffen. Prof. Thomas Iftner, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Tübingen, erklärt dagegen im Interview mit „Report Mainz“: „Es gibt ganz klar publizierte und begutachtete Studien, die belegen, dass eine Wirkung der Impfung gegen die Erkrankung, aber eben auch gegen die Weitergabe der Infektion, da ist.“ Auch die Virologin Dr. Daniela Huzly, Vorsitzende des Berufsverbandes der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie bestätigt eine sehr gute Studienlage zur Wirkung der Impfung. Sie erklärt: „Da gibt–s definitiv Daten und wir wissen inzwischen, dass wir einen ungefähr 90-prozentigen Schutz vor der asymptomatischen Infektion haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der nichts hat, das Virus trägt und überträgt, ist damit um 90 Prozent reduziert.“

Virologen verweisen auf Israel und die USA und fordern Öffnungsstrategien für Deutschland

Prof. Thomas Iftner fordert: „Wenn man eine Güterabwägung macht, dann muss man ganz klar sagen, dass Geimpfte weniger gefährlich sind für den Rest der Bevölkerung als Nichtgeimpfte oder auch nur Getestete. Deswegen sollten die Geimpften in die Öffnungsstrategien besser einbezogen werden und sollten auch mehr Vorteile haben.“ Er verweist auf andere Länder wie Israel und die USA. Die oberste Seuchenschutzbehörde in den USA, das „Center for Disease Control“ (CDC), sage ganz klar, geimpfte Personen dürften zusammen in einem Raum sitzen, ohne Masken, ohne Abstand und es bestehe quasi ein vernachlässigbares Restrisiko. Auch Dr. Daniela Huzly lobt das Vorgehen der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde: „Die Amerikaner haben einfach auf die Studien aus Israel und Großbritannien reagiert und das ist auch richtig so. In dem Moment, wo sich die wissenschaftliche Erkenntnis mehrt, muss man darauf reagieren. Man kann nicht noch ein ganzes Jahr warten, bis man zehn weitere Studien gefunden hat, die das Gleiche gezeigt haben. Wenn die Studien groß genug sind, wie in diesem Fall mit vielen, vielen tausenden Menschen, dann kann man doch auch mal drauf vertrauen, dass das stimmt, was da rauskommt.“

Mitglied des Deutschen Ethikrats fordert mehr Freiheitsrechte

Vor diesem Hintergrund fordert auch Prof. Steffen Augsberg eine Anpassung der Regelungen für Geimpfte und Genesene. Er ist Mitglied des Deutschen Ethikrates und sagt im Interview mit „Report Mainz“: „Wenn wir davon ausgehen können, und das sieht im Moment danach aus, dass sowohl bei denjenigen, die von einer Covid-19-Erkrankung genesen sind, als auch bei denen, die dagegen geimpft sind, die Infektiosität, die Ansteckungsfähigkeit, deutlich reduziert ist, dann müssen wir für beide Gruppen entsprechend Freiheitsbegrenzungen zurücknehmen, müssen entsprechend Freiheiten zurückgewähren.“

Bundesgesundheitsministerium und Robert Koch-Institut spielen sich die Bälle zu

Das Bundesgesundheitsministerium erklärt auf die Frage, ob spezielle Regelungen für Geimpfte oder Genesene geplant seien: „Solange die Zuverlässigkeit und Dauer des Schutzes vor Weitergabe der Infektion durch Geimpfte nicht eindeutig geklärt sind und nicht genügend Impfstoff vorhanden ist, um allen ein Impfangebot zu machen, ist keine Unterscheidung zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften vorgesehen.“ Zur Frage nach dem Umgang mit Genesenen heißt es weiter: „Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob und, wenn ja, wie lange Genesene immun sind. Insofern gelten für sie grundsätzlich die gleichen Regeln, wie für alle anderen.“ Dabei beruft sich das Ministerium auf die Einschätzung des Robert Koch-Instituts, wonach die Datenlage aktuell noch zu limitiert sei, um eine abschließende Einschätzung treffen zu können. Auf die Frage von „Report Mainz“, welche wissenschaftlichen Gründe es gibt, Menschen die komplett geimpft sind, den Umgang mit anderen Geimpften zu verweigern, schreibt das RKI: „Das ist nicht in erster Linie eine wissenschaftliche Frage, sondern eine Risikoabwägung, die durch die Politik zu treffen und gegenwärtig in der Diskussion ist.“

Befragung der Bundesländer zu Sonderregelungen für Geimpfte und Genesene

Eine Umfrage der Redaktion unter allen Staatskanzleien der Bundesländer hat ergeben, dass bisher in keinem Bundesland Pläne bezüglich einer Öffnungsstrategie für Geimpfte und Genesene vorliegen. So erklärt zum Beispiel die Hansestadt Hamburg, Regelungen für „[…] Geimpfte oder nach Erkrankung immunisierte Personen sind in Hamburg derzeit weder in Kraft noch kurzfristig geplant.“ Auch Sachsen verneint jede Art von Sonderregelungen und erklärt: „Dazu gibt es aktuell noch keine Pläne.“ Zur Begründung schreiben die Länder, es sei noch nicht ausreichend geklärt, ob geimpfte oder genesene Menschen andere Personen anstecken könnten. Aus Thüringen heißt es: „Es ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung geimpft und es ist noch nicht abschließend wissenschaftlich geklärt, inwiefern geimpfte Personen das Virus dennoch weitertragen können und wie lange der Impfschutz anhält.“ Die Staatskanzlei von Rheinland-Pfalz erklärt: „So lange wegen des mangelnden Impfstoffs noch nicht eine höhere Anzahl von Menschen geimpft ist, ist es sehr schwer zu vermitteln, dass vereinzelt Ausnahmen möglich sind.“ Und auch das Saarland verweist auf den Mangel an Impfstoff, deshalb sollte noch nicht über „eine Impfprivilegierung diskutiert werden.“

Weitere exklusive Informationen auf der Internet-Seite http://x.swr.de/s/13pr

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Rückfragen bitte an die Redaktion „Report Mainz“, Tel.: 06131 929 33351

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