Mittelbayerische Zeitung: Feldzug der Moralisten. Ob Ramspauer Störche, Klima oder Küken: Immer öfter gehen Menschen im Dienst einer guten Sache viel zu weit. Von Claudia Bockholt

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Ob Klimaschutz oder Tierwohl: Die aktuellen
Debatten drohen Maß und Ziel zu verlieren. Ein Beispiel: Die „Fridays
for Future“-Initiative – vielleicht beflügelt von der Aussicht, dass
Galionsfigur Greta Thunberg nun auch noch mit dem Friedensnobelpreis
geadelt wird – will mit flächendeckenden Demos den Regensburger
Innenstadtverkehr lahmlegen. Wer das für unangemessen hält, ist in
ihren Augen vermutlich ein Eisbärenhasser. Noch maßloser verhalten
sich die selbsternannten Storchenschützer, die nicht vor
existenzschädigenden Verleumdungen und persönlichen Drohungen
zurückschrecken. Es war natürlich falsch, ein Nest ohne
Ausnahmegenehmigung vom Ramspauer Kirchendach zu holen. Doch für die
Prüfung dieses Vergehens und eine mögliche Strafe ist immer noch die
Justiz zuständig. Der Pranger war ein Instrument des finsteren
Mittelalters. Wer ihn im digitalen Zeitalter wieder aus der
historischen Folterkammer holt, hat mit Recht und Gesetz selbst nicht
viel am Hut. Moralische Empörung scheint in diesen Tagen die geltende
Währung in allen gesellschaftlichen und politischen Debatten zu sein.
Und für immer mehr Menschen scheint sie zum Freibrief zu werden. Sie
ziehen in den Krieg, den Schild eines unanfechtbaren Motivs
hocherhobenen Hauptes und stolz vor sich hertragend. Und wenn
Überzeugungen nicht reichen, müssen starke Wörter her. Dann wird aus
dem Kükentöten ein „Kükenmord“, ein „grausamer“ natürlich. Mit
Vernunft hat das nicht mehr viel zu tun. Es geht darum, möglichst
starke Emotionen zu schüren. Das lässt die Wellen kurz hochschlagen,
doch wirklich nachhaltig ist die Erregung nicht. Fakten statt Gefühle
sagen, dass es in Deutschland rund 40 Millionen Legehennen gibt. Sie
versorgen die Verbraucher mit jährlich 12 Milliarden Eiern. Die gute
Nachricht: Der Anteil an Eiern aus ökologischer Haltung steigt
langsam, aber stetig. 2017 lag er bei 10,5 Prozent. Weitere 17,7
Prozent der Hennen dürfen bereits fröhlich unter freiem Himmel
picken. Offensichtlich ist ein Teil der Verbraucher bereit, die
höheren Preise für Freiland-Eier hinzulegen. Einem weitaus größeren
Teil der Käufer ist es jedoch reichlich schnuppe, von wo das Ei in
ihrem Omelette stammt. Hauptsache, es ist nicht zu teuer.
Bio-Produkte, die – hoffentlich – umweltfreundlich und unter
Tierwohlaspekten produziert werden, machten 2017 lediglich 5,1
Prozent des Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus. Beim Fleisch ist
der Bio-Anteil noch geringer: Geflügel 1,4 Prozent, Rotfleisch 1,8
Prozent, Fleisch- und Wurstwaren sogar nur 1,2 Prozent. Die gefühlte
Menge an empörten Verbrauchern und die Zahl der tierfreundlichen
Kaufentscheidungen klaffen also weit auseinander. Fast so weit wie
die Zahl der glühenden Klimaschützer und die Zahl der gecancelten
Urlaubsflüge: Der Reisekonzern TUI meldete erst vergangene Woche,
dass die Deutschen – Greta wird es grausen – unverdrossen ferne
Urlaubsziele ansteuern. Allerdings: Dafür gibt es keine
Plastik-Umrührstäbchen mehr im Flieger. Das Kükenschreddern wird, so
hat es nun das Gericht beschlossen, über kurz oder lang ein Ende
haben müssen. Gut so. Wenn jedes Ei zunächst auf das Geschlecht des
Kükens untersucht werden muss, wird das aber vermutlich die Preise in
die Höhe treiben. Oder wir importieren einfach Billigware aus dem
Ausland, wo man es mit den männlichen Flauschküken nicht ganz so gut
meint wie die Deutschen. Und wo die Hennen vielleicht noch in Käfigen
brüten, statt draußen zu flattern. Deutschland trägt nur zwei Prozent
zum weltweiten CO2-Ausstoß bei. Unser Anteil an der weltweiten
Empörung liegt deutlich darüber. Ob hochmoralischer Impetus uns den
nötigen Schwung gibt, die hochgesteckten Ziele zu erreichen, ist
längst nicht ausgemacht. Das gesellschaftliche Klima belastet er auf
alle Fälle.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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