Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Merkel/CSU: Keine Zeit für Fingerhakeln von Reinhard Zweigler

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Der sieggewohnten und machtbewussten CSU geht
es derzeit etwa so wie dem deutschen Rekordfußballmeister FC Bayern
München. Die Nerven liegen blank. Eine Woche vor der Landtagswahl
sacken die sich gewissermaßen als bayerische Staatspartei fühlenden
Christsozialen in den Umfragen in ungekannte Tiefen ab. Und die
Bayern-Kicker rutschen nach zwei Pleiten in der Tabelle immer weiter
abwärts. Dabei sind doch beide eigentlich auf Platz eins
programmiert. Die einen wollen ihre absolute Macht erhalten, was
derzeit ziemlich illusorisch ist. Und der Truppe des glücklosen
Übungsleiters Nico Kovac droht, dass die Meisterschale in weite Ferne
rückt. Die Zeiten des Durchmarschs – von CSU wie FC Bayern – scheinen
vorbei. Allerdings haken sich die CSU-Alphatiere Markus Söder und
Horst Seehofer nun nicht etwa unter und stemmen sich gemeinsam gegen
die drohende Wahlschlappe, sondern sie spielen Schwarzer Peter. Söder
macht zähneknirschend die Berliner Querelen für die dramatischen
Verluste verantwortlich. CSU-Chef Seehofer, der mit Abstand größte
Unruheherd in der Bundes-GroKo, versichert dagegen scheinheilig, dass
er sich weder in die bayerische Politik, noch den weiß-blauen
Wahlkampf einmische. Die voreilige Suche nach Schuldigen, das
rhetorische Fingerhakeln der Großkopfeten ist jedoch nicht nur
töricht, weil damit die Wahl für die CSU im Grunde bereits
verlorengegeben wird, sondern es gibt auch ein jämmerliches Bild ab.
Von einer christlich sozialen Union – also Einheit – ist eine Woche
vor der Wahl verdammt wenig zu spüren. Allen Treueschwüren und
Geschlossenheitsappellen zum Trotz. Ähnliches gilt für die
Schwesterpartei CDU. Die Langzeit-Parteivorsitzende und Kanzlerin
sitzt nicht mehr fest im Sattel. Ihr getreuer Fraktionsstrippenzieher
Volker Kauder wurde abgewählt. Und mögliche, wirkliche
Nachfolgekandidaten für Merkel laufen sich bereits warm. Ob die
klug-biedere „Annegreat“ Kramp-Karrenbauer, der grundsolide Armin
Laschet oder der Jung-Konservative Jens Spahn. Ein Absturz der CSU im
Freistaat nächsten Sonntag würde auch Merkel und insgesamt die
Regierungsfähigkeit der Union extrem schwächen. Dass sich Angela
Merkels Zeit in der Politik ihrem Ende zuneigt, ist allen klar. Ihr
selbst sicher auch. Die Frage ist allerdings, wie dieses Ende
aussehen wird. Geht Merkel im Chaos, hinterlässt sie eine
zertrümmerte, zerstrittene Union oder gelingt es ihr, den
unvermeidlichen Übergang halbwegs geordnet zu gestalten? Die Zeit
dafür hat sie noch, trotz aller Unkenrufe und vorzeitiger Abgesänge
in Medien und Netzwerken. Und Merkel kann kämpfen und aufrütteln, wie
sie jetzt vor der Jungen Union in Kiel gezeigt hat. Auf dem Hamburger
Parteitag im Dezember sollte sie die Weichen für die Zeit nach ihr
stellen. Sie müsste dort ihre Wiederwahl für noch einmal zwei Jahre
an der CDU-Spitze mit einer personellen Zukunftsperspektive
verbinden. Sie sollte es anders machen als ihr Ziehvater Helmut Kohl.
Der wollte die Zeichen der Veränderung lange nicht sehen. Doch vor
lauter öffentlich ausgetragenem Streit – vor allem über die
Flüchtlingspolitik – wissen die Menschen gar nicht mehr, wofür die
Union inhaltlich eigentlich steht. Das ist das größte Manko von CDU
und CSU derzeit. Es mag reichlich banal klingen, doch an der Rückkehr
zu wirklicher Sach- und Kärrnerarbeit in der Regierung führt kein Weg
vorbei. Nur so lässt sich Vertrauen zurückgewinnen. Nur so kann den
Populisten von ganz rechts und ganz links der Boden entzogen werden.
Es gibt in unserem – zum Glück – prosperierenden Deutschland so
verdammt viel zu tun, dass das auch in Zukunft so bleibt. Es ist
Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Es ist keine Zeit für
sinnloses politisches Fingerhakeln.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
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