Mittelbayerische Zeitung: Mittelbayerische Zeitung (Regensburg) zum Thema G8/G9 in Bayern:

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Aus Fehlern soll man lernen. Das gilt nicht nur
in der Schule, sondern auch in der Politik. Mit der faktischen
Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium räumt Ministerpräsident Horst
Seehofer nicht nur Fehler ein, sondern startet einen längst
überfälligen Lernprozess innerhalb seiner Partei. Für die CSU kann es
ein wichtiger Befreiungsschlag werden. Es gilt, die Anliegen der
Schüler, Eltern und Lehrer aufzugreifen. Nachdem das achtjährige
Gymnasium in Stoiberschem Rekordtempo eingeführt worden war,
verschloss die CSU viel zu lange ihre Ohren, ignorierte
Schülerproteste und die Kritik der Opposition. Stattdessen bastelte
sie am Gymnasium herum und führte etwa die „Mittelstufe plus“ ein.
Nun rettet das Aus für das längst gescheiterte G8 die CSU auf den
letzten Metern der Legislaturperiode vor dem Sitzenbleiben. Seehofer
bekommt noch eine 4. Das miese Zeugnis haben ihm die Schüler sowie
deren Eltern ausgestellt. An den Pilotschulen gingen die Jugendlichen
lieber ein Jahr länger in die Schule, um noch etwas von ihrer
Freizeit zu haben. Spätestens da war der Druck so stark geworden,
dass das Ende des G8 eigentlich unausweichlich war. 13 Jahre – so
lange dauerte früher eine Schullaufbahn mit Abitur – brauchte die
CSU, um das Scheitern des achtjährigen Gymnasiums einzugestehen und
die Kehrtwende einzuläuten. Die Präsidentin des Bayerischen
Lehrerinnen- und Lehrer Verbandes, Simone Fleischmann, bringt es auf
dem Punkt. Sie sagt: „Wir haben beim G8 13 Jahre diskutiert, 13 Jahre
ausprobiert und nichts ist passiert.“ Jetzt ist das Schicksal des
Gymnasiums und das Ende des G8 besiegelt. Die Erwartungen sind hoch.
Es soll der große Wurf werden, das verspricht die CSU. Die
Lehrerverbände fordern nichts Geringeres als eine vollständige
Überarbeitung des bisherigen gymnasialen Konzepts. Das Gymnasium hat
Horst Seehofer zwar zur Chefsache erklärt. Die Reform klingt aber
eher nach einem Reförmchen. „Behutsam“ wolle die CSU das Gymnasium
verändern, die Neuausrichtung sei keine Rückkehr zum G9. Seehofer
weiß, wie schwierig es wird, denn die Palette an Forderungen ist
groß. Eltern, Lehrer, Schüler – alle haben verschiedene Ansichten.
Abgeordnete der CSU vergleichen sich gerne mit dem
Fußball-Bundestrainer: Egal wie er seine Elf aufstellt, er wird auf
jeden Fall von den Fans kritisiert. Auch in der Bildungspolitik ist
das so. 325 000 Schüler besuchen ein bayerisches Gymnasium, jeder hat
eine eigene Auffassung. Allen Recht machen kann man es nicht. Das
weiß auch Ministerpräsident Horst Seehofer. Trotzdem erweckt er den
Anschein, bewusst den Schulterschluss mit den Verbänden zu suchen und
sich als Landesvater zu präsentieren, der auf die Beschwerden der
Schüler, Eltern und Lehrer reagiert. Seehofer schickte seinen
Kultusminister Ludwig Spaenle zum Nachsitzen. Der lieferte seiner
Partei danach mal ein brauchbares Konzept, wie das Gymnasium der
Zukunft aussehen könnte. Geht es nach den Lehrerverbänden, dann
sollte auf das G8-Debakel eine vollkommene und ausgegorene
Überarbeitung des Gymnasiums folgen. Viele bewährte Neuerungen des G8
sollen beibehalten und weiter verbessert werden. Es soll mehr
individuelle Förderung, etwa in Form von freiwilligen Förderkursen
oder Coachings von lernschwächeren Schülern geben, dazu mehr Angebote
zur Selbstfindung. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie
wichtig der CSU diese Vorschläge sind oder ob es sich nur um ein
taktisches Manöver vor den Landtagswahlen 2018 in Bayern handelt.
Nimmt die CSU die Anliegen tatsächlich ernst, dann könnte sie am Ende
sogar von ihrem eigenen Scheitern profitieren.

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Mittelbayerische Zeitung
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