Schwäbische Zeitung: Sehnsucht nach der Piraten-Zeit – Leitartikel

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Freibeuter der Meere, der Rote Korsar: Errol
Flynn, Burt Lancaster oder Douglas Fairbanks haben Piraten zu Helden
stilisiert, Johnny Depp und Pippi Langstrumpf zu Sympathieträgern.
Sie befriedigen eine diffuse Gerechtigkeits-Sehnsucht: bei jungen
Menschen vor allem, bei Armen, bei Chancenlosen. Bei denen, die
einfach mal eine andere Welt wollen – ohne groß nachzudenken, wer bei
der Piraterie denn so alles auf der Strecke bleibt.

Möchtegern-Freibeuter gibt es offenbar in Berlin einige
Hunderttausend. Sie haben die Piratenpartei ins Parlament gewählt –
und dem politischen Betrieb eine schwierige Aufgabe beschert. Denn
Piraten leben schließlich davon, sich gegen die Regeln aufzulehnen –
und die Realität zu ignorieren. Der Berliner Spitzenkandidat Andreas
Baum ist dafür ein gutes Beispiel: Er will freie Fahrt für Alle mit
der S-Bahn. Und zumindest seine Wähler schert es nicht, dass ja
irgendwer die Millionenkosten zahlen muss. Zahlen sind dem Kapitän
und seiner Mannschaft ohnehin nicht so wichtig. Berlin habe „viele
Millionen“ Schulden, vermutet Baum. Es sind 62 Milliarden Euro.

Grundfalsch wäre es aber, wenn ein Parlament voller
Verlierer-Parteien den Wahlerfolg der Piraten einfach als
unbedeutende Havarie abtun würde. Denn die neue Bewegung ähnelt in
manchem dem, was auch anarchisch-chaotische Grüne irgendwann zur
Regierungspartei machte: Auch die Piraten stellen richtige und
wichtige Fragen, etwa nach individueller Freiheit im Netz der
Datenfänger oder mehr Teilhabe in der Demokratie. Sie stellen diese
Fragen auf neue Art – und in Foren, die alteingesessene
Meinungsbildner nicht erreichen oder nicht einmal verstehen. Ihre
Vertreter geben zudem offen zu, dass sie nicht auf alle Fragen die
Antwort kennen. Schon gar nicht die einzig Gültige, wie
Berufspolitiker das so gern vorgaukeln.

Ein bisschen Piratentum tut in einer Zeit großer Ungewissenheiten
darum gut. Politik muss aber Lösungen liefern, die lange
funktionieren. Das gilt auch für die der Piraten. Sonst sind sie
nichts als Seeräuber.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 07561-80 100
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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