Viel verboten, wenig erklärt / Von Marianne Sperb

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Wieder ein Rekord: 16 774 neue Corona-Fälle meldet das RKI binnen eines Tages. Etwas über eine Woche zuvor lag die Zahl noch bei 7595. Keine Frage: Die Welle muss brechen, schnell. Man braucht keine Expertise, um zu wissen, dass sonst die Kliniken die vielen Kranken bald nicht mehr versorgen können. Das Ziel also ist klar. Der Weg ist umstritten. Immerhin: Kanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs demonstrieren beim neuen Lockdown Einigkeit. Das ist als Signal nicht zu unterschätzen. Bundesweit einheitliche Regeln, gemeinsam beschlossen, finden eher Akzeptanz als das verworrene Klein-Klein, das von Region zu Region verschiedene Vorschriften auferlegt. Das ist im Kern aber auch schon der einzige Punkt, den man nach der gestrigen Regierungserklärung herausheben kann, bei der viel gesagt, beteuert und appelliert wurde, aber wenig wirklich erklärt. Das Maßnahmenpaket wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. „Es kommt vor allem auf die Vernunft der Bürger an“, sagt Angela Merkel. Gleichzeitig verlangen die Regeln, das Gehirn auszuschalten. Denn wie logisch ist es, Menschen aus maximal zwei Haushalten ein Treffen zu erlauben, Schulen und Kitas offen zu halten, aber hinzunehmen, dass sich in Bussen und Zügen Fahrgäste von Irgendwo, aus unterschiedlichen Risikogruppen, mit und ohne Symptomen drängen? Oder wie logisch ist es, auf weiten Plätzen Fußgängern den Mund-Nasen-Schutz zu verordnen, keineswegs aber in der schmalen Gasse direkt daneben? Die Gerichte, die zuletzt immer beherzter überzogene und schlecht begründete Vorschriften kippten, werden nach dem neuen Lockdown viel zu tun bekommen, so viel kann man gefahrlos sagen. In Kultur und Gastronomie lässt sich gut betrachten, dass die Beschlüsse nicht nur widersprüchlich, sondern auch ungerecht sind. Theater haben sich in Infektionsschutzzonen verwandelt, in denen Besucher sicherer sind als in jedem Supermarkt, müssen aber dennoch schließen. Restaurants haben penible Hygiene-Konzepte umgesetzt, müssen aber die Stühle hochstellen, selbst wenn es sie die eigene Existenz kostet, während sich die Gäste ins Private zurückziehen. Geblockt werden Bereiche, die sich vorbildlich eingestellt haben auf die Gefahrenlage, während die Auflagen für Privaträume viel schwieriger zu überwachsen sind. So erzeugt die Regierung die Illusion von Kontrolle, einer Kontrolle, die bereits entglitten und im Grunde auch gar nicht möglich ist. Die Behörden können nur in etwa jedem vierten Fall nachvollziehen, wo sich Menschen infiziert haben. Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie fragwürdig die Teststrategien sind. Massenweise kostenlose Tests sind fehleranfällig, verbrauchen Ressourcen und führen zu falschen Schlüssen. Eine Auswertung am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg hat zum Beispiel ergeben: Unter 5081 Patienten ohne coronatypische Symptome fanden sich nur zehn Infizierte, also 0,19 Prozent. Bei 1025 Patienten mit potenziellen Krankheitszeichen lag der Anteil bei 113 und damit elf Prozent. Was folgt nach dem zweiten Lockdown? Ein dritter, ein vierter? Verbote können Eigenverantwortung nicht ersetzen, die Einsicht also, dass einfache Maßnahmen wie Abstand bereits viel zum Schutz beitragen. Die aktuellen Maßnahmen sind hart, aber nicht hier liegt das eigentliche Problem. Entscheidender: Es fehlt eine Risikostrategie, wie das Land durchhalten kann. Stattdessen verlangt die Regierung blindes Vertrauen. Vertrauen muss aber verdient werden: nicht durch wortwörtlich wiederholte Appelle, sondern durch transparentes und immer wieder nachvollziehbar erklärtes Sprechen und Handeln.

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