Westfalen-Blatt: das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur bevorstehenden Landtagswahl in Bayern

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Natürlich kann noch ein Wunder passieren.
Wahrscheinlich aber ist das nicht. So deutet alles darauf hin, dass
die CSU am nächsten Sonntag bei der Landtagswahl in Bayern eine
schwere Schlappe einstecken wird. 33 bis 35 Prozent avisieren jüngste
Umfragen Ministerpräsident Markus Söder und den Seinen gerade mal
noch – ein Ergebnis, das einer Katastrophe gleichkäme.

Und das, obwohl die Partei schon zwei Rückfalllinien markiert hat.
Von der absoluten Mehrheit – jahrzehntelang eine
Selbstverständlichkeit – spricht längst keiner mehr in der CSU. Auch
einen Schuldigen hat man schon ausgemacht. Vor allem am schlechten
Erscheinungsbild der Großen Koalition in Berlin soll es liegen, dass
es die Christsozialen so schwer haben daheim. Was allerdings den
eigenen Parteichef und Bundesinnenminister einschließt – und genau da
fangen die Probleme der CSU erst richtig an.

Das, was sich gegenwärtig in und um München herum abspielt, dürfte
dereinst Stoff für politikwissenschaftliche Examensarbeiten bieten.
Selten hat eine Partei eine so günstige Ausgangslage so leichtfertig
verspielt wie die CSU. Denn bei allem, was man einem irrlichternden
Horst Seehofer vorwerfen kann: Es ist kaum mehr als ein Jahr her, da
galten seine Christsozialen in Bayern als konkurrenzlos und der Sieg
bei der Landtagswahl als sicher.

Parteiinterne Ränke und der nicht enden wollende Streit mit der
CDU aber haben diese hervorragende Ausgangslage zunichte gemacht. So
ist es eine Legende, dass Angela Merkels Flüchtlingspolitik die
»Mutter aller Probleme« ist, wie Seehofer schlagzeilenträchtig
behauptete. Richtig ist vielmehr, dass es die CSU zu keiner Zeit
geschafft hat, die eigene Bilanz im Umgang mit der Zuwanderung zum
Maßstab für die Republik zu machen. Kein Bundesland hatte so viel zu
leisten wie Bayern – und kein Land hat so viel geleistet wie Bayern.
Das hätten Seehofer, Söder und Co. zur Leitlinie ihrer Politik machen
sollen – und nicht den erbitterten Kampf um die Deutungshoheit über
eine einzige Nacht im September 2015.

Stattdessen hat man sich eine verbale Entgleisung nach der
nächsten geleistet und viele Menschen, die in der Flüchtlingspolitik
inhaltlich näher bei der CSU als bei der Kanzlerin sind, verschreckt.
Wer jedoch im AfD-Jargon polemisiert, darf sich nicht wundern, wenn
sich die Wähler doch gleich lieber für das Original entscheiden. Oder
aber angewidert das Lager wechseln und in Scharen zu den Grünen
überlaufen.

Es könnte zur Ironie der Geschichte werden, wenn die
Christsozialen demnächst ausgerechnet die Öko-Partei brauchen, um
weiter regieren zu können. Aus einer Position der Stärke aber wird
die CSU dabei kaum handeln können. Schon jetzt setzt Söder vor allem
auf den Mitleidseffekt. Und dass man das einmal über die CSU würde
sagen müssen, kommt in der Tat einem Wunder gleich.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

Original-Content von: Westfalen-Blatt, übermittelt durch news aktuell

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