Anreize fürs Impfen statt Strafen / Weil immer mehr Menschen Impftermine einfach sausenlassen, wird der Ruf von Politikern nach Bußgeldern laut. Aber das greift viel zu kurz.

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Man reibt sich verwundert die Augen. Noch vor kurzem waren Impftermine so begehrt wie warme Semmeln. Impfstoffe, die vor der gefährlichen Corona-Infektion schützen sollen, galten als Goldstaub. Doch mittlerweile verändert sich die Lage. Die zu Anfang des Jahres noch äußerst raren Vakzine werden millionenfach geliefert und nicht mehr nach Priorisierungslisten verimpft, sondern an jeden, es möchte. Wartelisten schrumpfen zusammen. Heute angefragt – morgen geimpft, ist immer öfter möglich. Deutschland bekommt ein Luxusproblem, um das uns andere Länder beneiden: Impfstoffe suchen Impflinge.

Dabei ist es nicht nur so, dass der Andrang bei Impfzentren, Haus- und Fachärzten inzwischen deutlich zurückgeht, sondern es gibt auch das neue Phänomen der Impf-Schwänzer. Immer mehr Menschen lassen bereits fest gebuchte Termine – für den ersten oder zweiten – kleinen Anti-Covid-19-Pieks einfach sausen. Und das noch dazu, ohne sich abzumelden, was Online oder per Telefon ohne große Mühe möglich ist. Inzwischen müssen bereits leicht verderbliche Impfstoffe, die für bestimmte Tage bereitgestellt wurden, vernichtet werden. Wer also, aus welchem Grund auch immer, einen Termin einfach platzen lässt, verhält sich unsolidarisch, verantwortungslos. Gegenüber denen, die immer noch auf eine Spritze warten müssen. Aber auch der ganzen Gesellschaft gegenüber, denn die Kosten für die weggeworfenen Vakzine fallen auf jeden Fall an. Sie werden letztlich von uns allen getragen.

Dass sich nun freilich mehrere Politiker, einige Ärzte, das Deutsche Rote Kreuz, das viele Impfzentren betreibt, über Termin-Schwänzer ärgern, ist einerseits verständlich. Wer zu bequem ist, seinen Impftermin abzusagen, sollte für die Ausfallkosten löhnen. Andererseits greifen Politiker wie Karl Lauterbach oder Unionsfraktionsvize Thorsten Frei jedoch mit dem Vorstoß, Bußgelder zu verhängen, zu kurz. Drohende Strafen könnten nämlich dazu führen, dass noch Impf-Unentschlossene sich erst gar nicht um einen Termin bemühen. Sie wollen sich schlicht nicht der Gefahr aussetzen, bestraft zu werden, wenn sie den Termin – aus welchen Gründen auch immer – nicht wahrnehmen oder eben nicht wahrnehmen können. In Deutschland gilt in puncto Corona-Schutzimpfung das Prinzip der Freiwilligkeit. Manch einem gerät das jetzt aus den Augen.

Hinzu kommt, dass das, gelinde gesagt, Wirrwarr um bestimmte Vakzine – das nicht gut beleumundete Astrazeneca zum Beispiel, und so manche Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) – recht schwer nachvollziehbar sind. Der Vektor-Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers hat sich fast zu einem Ladenhüter entwickelt. Astrazeneca ist in den Augen vieler Menschen so beliebt wie Sauerbier. Daran ändert auch nichts, dass sich etwa Angela Merkel oder Jens Spahn damit impfen ließen. Dass die Stiko jetzt, wie von vielen Ärzten längst gefordert, sogenannte Kreuzimpfungen vorschlägt, macht die Sache für viele Menschen nur noch verwirrender. Nach der Erstimpfung mit Astrazeneca sollte die Zweitimpfung mit einem mRNA-Vakzin, etwa von Biontech/Pfizer oder Moderna, erfolgen.

Doch statt immer gleich nach dem Knüppel der Abstrafung zu rufen, sollte viel mehr aufgeklärt werden: über die Vorzüge der Schutzimpfungen, ohne die geringen, aber gleichwohl vorhandenen Risiken zu verschweigen. Umfassend informierte und aufgeklärte Menschen sind mündige, urteilsfähige Patienten. Sie gehen zudem nicht den Argumenten von notorischen Impfgegnern und halbseidenen Verschwörungstheoretikern auf den Leim. Vor allem jedoch braucht es Anreize, auch wirklich zum Impfen zu gehen. In anderen Länder wird mit einem Freigetränk oder Kinokarten versucht, die Impfwilligkeit zu fördern. Also Freibier gegen das Impftermin-Schwänzen? Im Prinzip ja, warum eigentlich nicht.

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