BERLINER MORGENPOST: Freibier für alle! / Leitartikel zu Hitzefrei-Forderung von Julia Emmrich

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Kurzform: Die Forderung der Grünen zeigt zwei
Dinge: erstens, wie zielsicher die einst so sperrige, moralinsaure
Partei inzwischen Sorgen und Sehnsüchte der Bundesbürger versteht,
aufnimmt und in politische Forderungen übersetzt. Früher hätte es
doch durchaus passieren können, dass ein Grüner sich hinstellt und
sagt: „Selbst schuld, dass ihr so schwitzt. Wer immer nach Mallorca
fliegt, macht eben das Klima kaputt.“ Doch die populären Forderungen
der Grünen zeigen noch etwas anderes. Sie machen für jeden sichtbar,
dass sich Deutschland angesichts des Klimawandels tatsächlich
umstellen muss. Nicht nur beim Klimaschutz. Sondern mit Blick auf den
Alltag kommender Hitzesommer.

Der vollständige Leitartikel: Hitzefrei für alle, die im Freien
arbeiten müssen. Ab nach Hause ins Homeoffice für alle, die im Büro
schwitzen. Das sind die beiden Megabotschaften, die die Grünen am
Donnerstagmorgen zum Start eines der heißesten Tage dieses Sommers in
die überhitzte Republik sendeten. Sie hätten auch gleich Freibier für
alle fordern können. Oder freien Eintritt in alle Freibäder. Der
Erfolg könnte nicht größer sein. Hitzefrei für Menschen, die bei 40
Grad im Schatten, sagen wir mal, frischen Teer bearbeiten oder
Dachpfannen verlegen müssen – wer könnte was dagegen haben? Und das
Recht auf einen entspannten Tag im Homeoffice, mit bloßen Füßen,
kurzer Hose und Laptop auf dem schattigen Balkon? Sagen wir mal so:
Das Paradies war nichts dagegen. Sollten die Grünen auch noch
Kanzlerpartei werden, regnet es im Anschluss an solche Hitzetage in
Deutschland in Zukunft wahrscheinlich auch noch Milch mit Honig. Doch
Spaß beiseite. Die Forderung der Grünen zeigt zwei Dinge: erstens,
wie zielsicher die einst so sperrige, moralinsaure Partei inzwischen
Sorgen und Sehnsüchte der Bundesbürger versteht, aufnimmt und in
politische Forderungen übersetzt. Früher hätte es doch durchaus
passieren können, dass ein Grüner sich hinstellt und sagt: „Selbst
schuld, dass ihr so schwitzt. Wer immer nach Mallorca fliegt, macht
eben das Klima kaputt.“ Heute dagegen machen sie es wie die
Sozialdemokraten in ihren besten Zeiten und fordern erst mal eine
ordentliche Entlastung für die schwitzende Mehrheit der
Beschäftigten. Mehr noch: Für die Älteren haben sich die Grünen
„Hitze-Patenschaften“ ausgedacht, um alleinstehenden Senioren die
Angst vor tropischen Tagen zu nehmen. Und auch für die Pendler haben
sie eine Idee: Wer in der Hitze mit Bus und Bahn unterwegs sein muss,
soll in Zukunft an den Haltestellen kostenfreie Trinkwasserbrunnen
vorfinden. Klar: So gut das alles auf dem Papier klingt, so schwierig
ist vieles in der Umsetzung. In Berlin, wo die Grünen mitregieren,
werden jetzt immerhin 100 neue Trinkbrunnen im Stadtgebiet
aufgestellt. Doch die populären Forderungen der Grünen zeigen noch
etwas anderes. Sie machen für jeden sichtbar, dass sich Deutschland
angesichts des Klimawandels tatsächlich umstellen muss. Nicht nur
beim Klimaschutz. Sondern mit Blick auf den Alltag kommender
Hitzesommer. In einer Gesellschaft, in der immer mehr ältere und
hochbetagte Menschen leben, werden Perioden mit extremer Hitze zu
einer bislang unüberschaubaren gesundheitlichen Herausforderung.
Deutschland ist zudem ein Land, das anders als Italien oder Spanien
in seinem gesamten Alltag, seinen Ernährungsgewohnheiten, seiner
Klimatechnik und sogar bei der Bepflanzung seiner öffentlichen
Grünanlagen auf durchwachsene mitteleuropäische Sommer ausgelegt ist.
Heißt mit anderen Worten: Wir werden noch viel lernen können von
unseren Nachbarn in Südeuropa. Die Grünen sind ja auch nicht die
Ersten, die auf die Idee kommen, Menschen, die im Freien arbeiten,
nicht nur bei besonders schlechtem, sondern auch bei sehr heißem
Wetter zu schonen. Die Forderung nach flexibleren Arbeitsorten ist
sogar steinalt. Die Bundesregierung hat sich ebenfalls bereits
Gedanken zu Hitzeaktionsplänen gemacht, dann aber entschieden, dass
Hitzeschutz Sache der Länder und Kommunen ist. Doch eins ist sicher:
Bei CDU und SPD, wo Bürgernähe und das Ohr an der Basis gerade wieder
als politische Heilmittel gepriesen werden, dürfte so mancher
neidisch auf den Hitze-Coup der Grünen sein.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

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