BERLINER MORGENPOST: Gegen das Vergessen – Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg war würdig – aber es reicht nicht, Leitartikel von Jörg Quoos

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Die Welt feiert das Ende des Ersten Weltkriegs vor
hundert Jahren, und plötzlich ist die Erinnerung allgegenwärtig. Die
an den Hass, an die bizarre Kriegsbegeisterung und an das sinnlose
Abschlachten mit weltweit 15 Millionen Toten. Es ist dabei
erschreckend, wie wenig deutsche Jugendliche heute über den Ersten
Weltkrieg und seine Entstehung wissen. Aber es ist gleichzeitig
beruhigend zu sehen, wie sehr sie sich dafür interessieren, wenn sie
damit konfrontiert werden.

Eine Erinnerungskultur zu entwickeln, die in Zeiten von Instagram
und Snapchat auch die Jugend erreicht, ist eine gesellschaftliche
Aufgabe mit großer Aktualität. Sie darf nicht den ohnehin
überforderten Schulen überlassen werden. Dabei sind prägende
Erfahrungen viel wichtiger als Frontalunterricht. Das Gespräch mit
Großeltern und Urgroßeltern über die Erfahrungen der eigenen Familie.
Der Gang über endlose Gräberfelder mit den Namen von Gefallenen, die
oft nicht einmal zwanzig Jahre alt waren. Solche Eindrücke gehen
tiefer und führen zu den entscheidenden Fragen: Warum? Und: Wie
können wir verhindern, dass sich Geschichte doch wiederholt?

Wo die Erinnerung fehlt, ist Platz für Geschichtsvergessenheit.
Daher ist es eher beunruhigend als eine protokollarische Petitesse,
dass der US-Präsident eine Ehrung gefallener US-Soldaten ausfallen
ließ – weil es regnete. Es ist ein großes Privileg der jüngeren
Generationen, nur Frieden erlebt zu haben. Niemand sollte unnötig
Ängste schüren, aber wahr ist leider auch: Die Welt ist wieder ein
unsicherer Ort geworden. Der Überfall auf die Ukraine. Ein Krieg in
Syrien, der immer noch zum Flächenbrand werden kann. Und in Korea
schien ein Konflikt mit atomaren Waffen vor nicht allzu langer Zeit
erschreckend nah. Dazu kommen politische Entwicklungen, die zwar
nicht vergleichbar sind mit der Kriegseuphorie 1914. Aber genug
Anlass zur Sorge bieten sie doch. Die nationalistischen Kräfte in
Europa sind längst entfesselt und konkurrieren brutal mit der Idee
des vereinten, friedlichen Europas, die über Jahrzehnte so
unangreifbar schien. Es ist längst nicht ausgemacht, dass Europa es
schafft, diese Fliehkräfte zu bändigen. Frankreichs Präsident
Emmanuel Macron und die deutsche Bundeskanzlerin stemmen sich mit
Kraft dagegen. Ihre Begegnung am Ort des Kriegsendes in Compiègne war
ehrlich und eindrucksvoll. Es braucht solche Symbole. Große Europäer
– wie Helmut Kohl und François Mitterrand mit ihrem Händehalten auf
den Gräbern von Douaumont – haben es vorgemacht. Vom Mut Adenauers
und de Gaulles 1958 ganz zu schweigen. Nicht zu vergessen auch Willy
Brandt, dessen Ostpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg große
Friedenspolitik war. Aber wird all das reichen? Schon die Europawahl
wird Aufschluss darüber geben, welche Richtung Europa nehmen wird. Es
ist noch lange nicht selbstverständlich, dass es in Richtung
Einigkeit und eines noch stabileren Friedens geht.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

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