BERLINER MORGENPOST: Ohne Verzicht geht es nicht / Leitartikel von Jürgen Polzin zum Klimareport

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Der neue Bericht des Weltklimarats IPCC sagt es
unmissverständlich: Macht der Mensch weiter so mit seinem
Fleischkonsum, mit intensiver Landwirtschaft und dem ausbeuterischen
Umgang mit Böden und Wäldern, dann bedroht er seine Lebensgrundlagen.
Um beim Bild der Regenwald-Abholzung zu bleiben: Wir sägen
sprichwörtlich am Ast, auf dem wir sitzen.

Die Klimakrise hat nun also die Landwirtschaft erreicht und damit
auch unsere Essgewohnheiten. Am Ende einer Woche, in der Politik und
Verbraucher über das Für und Wider einer Schnitzelsteuer
debattierten, mahnt der Bericht der Klimaforscher, den Blick auf das
Große und Ganze zu richten: Es geht um viel mehr, und es muss schnell
gehen. Die gute Nachricht zwischen all den verschreckenden Szenarien,
die der Klimareport zeichnet, ist die: Es gibt einen Weg, der uns das
Leben in einer heißeren Welt zumindest möglich macht. Doch dazu
braucht es ein Umdenken.

Der Mensch muss den Umgang mit seinen natürlichen Lebensgrundlagen
radikal überdenken: Er kann nicht mehr verbrauchen als nachwächst.
Wälder und Böden bedeuten Schutz, weil sie Kohlendioxid binden und so
das Klima stabilisieren. Sie zu erhalten, mehr Bäume anzupflanzen und
mehr Flächen für Bioenergie zu nutzen, hilft uns also bei der
Mammutaufgabe, bis Mitte des Jahrhunderts nahezu CO2-neutral zu
leben.

Doch wer Ackerfläche zum Beispiel für den Anbau von
Energiepflanzen umwandelt, schafft auch Risiken. Auf einem Planeten,
der schon bald über zehn Milliarden Bewohner haben könnte, fehlen
landwirtschaftliche Flächen, um die Menschen zu ernähren. Auch hier
ist die Botschaft der Forscher klar: Wenn wir nicht unsere Ernährung
umstellen – weniger Fleisch, mehr pflanzliche Bestandteile – wird die
Welt in Konflikten um Lebensmittel, Wasser und Ackerflächen
versinken.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu, Klimaforscher weisen seit
vielen Jahren darauf hin, die Probleme sind auch in den
IPCC-Berichten der vergangenen Jahrzehnte bereits angesprochen. Der
Flaschenhals seien nicht die technischen Mittel zur Lösung des
Klimaproblems – das ist ein Satz, den Wissenschaftler immer wieder
sagen, wenn es im Klimaschutz mit Trippelschritten vorangeht. Der
wirkliche Flaschenhals sei, dass es bei Politik und Öffentlichkeit
einen Willen zur Veränderung geben müsse.

Womöglich ist es die junge Generation, die den Schutz des Klimas
und der Umwelt nach vorne bringt. Greta Thunberg und die
Jugendlichen, die bei den Fridays-for-Future-Streiks auf die Straße
gehen, begehren auf, weil sie Angst haben, dass ihnen die Zukunft
genommen wird. Was sie antreibt, ist, dass sie nicht gehört werden.
Dass man ihnen verspricht zu handeln – und es nicht tut. In sozialen
Netzwerken wird immer öfter eine Frage diskutiert, die Jugendliche an
ihre Eltern richten: Warum nehmt ihr die größte Krise der Menschheit
in Kauf, wenn ihr doch die Möglichkeit habt, euer Verhalten zu
verändern?

Der Druck auf die Politik, mehr Klimaschutz zu wagen, war noch nie
so groß wie jetzt. In den kommenden Wochen hat es die
Regierungskoalition in der Hand, die Weichen in Richtung
Nachhaltigkeit zu stellen. Die Frage einer CO2-Besteuerung, die
Entscheidung über einen schnelleren Kohleausstieg oder mehr
Klimaschutz im Verkehr, bei Gebäuden oder in der Landwirtschaft: Der
neue IPCC-Bericht hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze
zusätzliche Argumente gebracht.

Ohne Verzicht aber wird es nicht gehen. “Was man gewinnt, ist aber
mehr wert als das, was man verliert”, hat dazu die Klimaforscherin
Almut Arneth gesagt. Ein weiser Satz.

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