BERLINER MORGENPOST: Volkssport Schwarzarbeit / Leitartikel zur Schattenwirtschaft von Alexander Klay

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Erinnern Sie sich noch an das Aufzugskartell?
Selbst in einem Gebäude der Europäischen Kommission wurden die
obersten Wettbewerbshüter aus Brüssel fündig, als sie vor über 15
Jahren dem Verdacht illegaler Preisabsprachen nachgingen. Sogar das
Zentrum der europäischen Gemeinschaft sahen die beteiligten
Hersteller in der Zeit um die Jahrtausendwende offenbar als
Selbstbedienungsladen. Es folgte in engem zeitlichen Abstand die
Offenlegung von Kartellen rund um Bier, Schienen und Lastwagen. Auch
bei Matratzen gab es illegale Absprachen. Und das sind nur die
prominentesten Beispiele aus einer Liste der vergangenen Jahre.

Fälle wie diese zeigen: Auch in der vermeintlich sauberen
europäischen Wirtschaftswelt, die im Antikorruptionsranking der
Organisation Transparency International regelmäßig die vorderen Ränge
belegt, liegt vieles im Argen. Nicht nur in Ländern wie Griechenland
und Italien, die einem bei den Themen Schatten- und Vetternwirtschaft
wohl als Erstes in den Sinn kommen. Sondern auch in Deutschland.

Das Problem fängt im Kleinen an. In zig Millionen Haushalten
arbeiten Putzkräfte schwarz, ohne Steuern, Versicherung und
Sozialabgaben. Das gigantische Ausmaß hat kürzlich das Institut der
deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt: Im Jahr 2017 waren 88,5 Prozent
der Reinigungskräfte illegal beschäftigt – obwohl die Anmeldung einer
legalen Beschäftigung über die Minijob-Zentrale für die Auftraggeber
heute eine recht einfache Sache ist, wenn auch mit Kosten verbunden.
Immerhin ist ein minimaler positiver Trend erkennbar: Zwölf Jahre
zuvor erreichte der Anteil der Schwarzarbeit in Privathaushalten
sogar 93 Prozent.

Den Handwerker, den Frisör oder die Hinterhofwerkstatt ohne
Rechnung zu bezahlen, ist ein ebenso beliebter Volkssport, wie die
Haushaltshilfe am Fiskus vorbei zu beschäftigen. Es sind eben nicht
nur die Industriekonzerne, in denen immer wieder schamlos zulasten
der Kunden und Verbraucher gehandelt wird. Der Betrug am Gemeinwesen
– er gilt quer durch alle Gesellschaftsschichten als Kavaliersdelikt,
vom Einpersonenhaushalt bis zum internationalen Unternehmen.

Da ist es durchaus ein gutes Signal, dass Bundesfinanzminister
Olaf Scholz (SPD) das Personal der zuständigen Sondereinheit beim
Zoll, der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, bis ins Jahr 2026 fast
verdoppeln will. Von heute 7900 Kontrolleuren bundesweit auf dann
13.500. Dafür bekommt sie aber auch deutlich mehr Aufgaben als
bisher. Diese wichtige Einheit gilt bislang als chronisch
unterbesetzt.

Im Europa der offenen Grenzen blüht etwa die fragwürdige
Beschäftigung von Arbeitern in der Fleischwirtschaft oder
insbesondere am Bau – dort sind die Probleme mit der
Schattenwirtschaft noch immer am größten. Hier grassieren
Schwarzarbeit, Korruption und Kartellabsprachen offenbar wie sonst
nirgendwo. Dagegen ist Bestechung ein Thema, das offenbar vor allem
die Industrie umtreibt. Das zeigt die aktuelle Untersuchung des IW.

Ein deutlich entschlosseneres Vorgehen gegen die
Schattenwirtschaft in all ihren Facetten wäre als Signal für mehr
Gerechtigkeit wünschenswert. Es ist ein Skandal, dass Menschen aus
anderen EU-Staaten nach Deutschland gelockt werden und hier unter
unwürdigen Bedingungen arbeiten und in Schrottimmobilien hausen.

Ein höherer Kontrolldruck vonseiten der Wettbewerbshüter und
Schwarzarbeit-Fahnder würde schnell zu weniger illegalen Absprachen
und Beschäftigungsverhältnissen sowie einer gerechteren Verteilung
der Lasten für den Sozialstaat führen.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/887277 – 878
bmcvd@morgenpost.de

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