KEINVATERLAND / Wie Semiya Simsek und andere mutmaßliche Opfer der NSU den Prozessauftakt in München erleben

Abgelegt unter: Innenpolitik |





Montag, 13. Mai 2013, 22.00 Uhr, 3sat
Erstausstrahlung

14 Jahre ist sie alt, als Semiya Simsek mitten in der Nacht ins
Krankenhaus zu ihrem schwer verletzten Vater gebracht wird. Neun
Schüsse wurden auf Enver Simsek abgegeben. Der Verdacht richtete sich
zunächst gegen die Verwandten des Opfers, die Polizei nimmt
Speichelproben, auch von Semiya Simsek. Von einer rechtsextremen Tat
sprach im Jahr 2000 niemand. Erst elf Jahre nach dem Mord kommt ans
Licht: Ihr Vater soll das erste Mordopfer des
„Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) gewesen sein, auch als
Zwickauer Terrorzelle bekannt. Doch auch danach läuft es nicht so,
wie es sein sollte. Der Umgang mit den Angehörigen, die Nachrichten
über geschredderte Akten, das Kompetenzgerangel des
Verfassungsschutzes und die Durchsetzung der rechtsextremen Szene mit
V-Leuten haben in Simsek tiefe Zweifel an dem Aufklärungswillen der
Behörden geweckt. Am Montag, 6. Mai, beginnt nun endlich der Prozess
gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe. Viele Opfer
erwarten jetzt Aufklärung, auch Semiya Simsek.

Die Dokumentation „KEINVATERLAND. Wie Semiya Simsek das Vertrauen
in Deutschland verlor“ von Katja und Clemens Riha erzählt die
Geschichte der jungen Frau, die nicht nur den Verlust ihres Vaters
verarbeiten muss, sondern auch Anfeindungen und falsche
Verdächtigungen. Die Filmautoren besuchen als einziges Filmteam die
junge Frau in der Türkei, wo sie im Augenblick lebt, und begleiten
sie beim Prozessauftakt in München. Simsek tritt dort als
Nebenklägerin auf. Eine unglaubliche Belastung. Was geht in ihr vor?
Semiya Simsek muss damit leben, dass das Land, in dem sie
aufgewachsen ist, vielleicht nicht mehr ihre Heimat sein kann. „Man
findet sich mit dem Tod irgendwann ab, man denkt –Schicksal–. Aber je
mehr Zeit vergeht: Mit diesem Schmerz kommt man nicht klar“, sagt
Semiya Simsek. Und mit dem Schmerz kommen die Zweifel. Der
3sat-/ZDFinfo-Film stellt Fragen, wie zum Beispiel, was es bedeutet,
wenn eine rechtsextreme Terrorzelle mitten in unserer Gesellschaft
agieren kann – ungeahndet, und das über viele Jahre? Was heißt es für
den Stand der Integration, wenn das Unwort „Döner-Morde“ bereitwillig
akzeptiert wird?

Im Zentrum der Dokumentation, mit der eine längere filmische
Begleitung des NSU-Prozesses beginnt, steht die Zerrissenheit eines
Opfers, das das Vertrauen in die Bundesrepublik verloren hat. Die
kurzfristige Verschiebung des Prozesses hat die Opfer nochmals sehr
stark belastet. Sie alle hatten nicht nur Reisen gebucht und sich
Urlaub genommen, sondern sich auch emotional darauf vorbereitet, nach
vielen Jahren der Verunsicherung nun den mutmaßlichen Mittätern bei
den Morden an ihren Verwandten gegenüber zu treten. 3sat hatte den
ursprünglichen Ausstrahlungstermin von „KEINVATERLAND“ verschoben,
weil der Blick von Semiya Simsek auf den Prozess zentral für den Film
ist. Ihre Ansicht ist entscheidend für eine gesellschaftliche
Aufarbeitung, weil sie zu einer Gruppe von Menschen gehört, die in
der Aufklärung der Morde schmerzlich vernachlässigt wurde – die der
Opfer.

Pressekontakt:
Presse und Öffentlichkeitsarbeit 3sat
Pepe Bernhard
Telefon: +49 (0) 6131 – 701 6261
E-Mail: bernhard.p@3sat.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de