Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu den Ostermärschen: Märsche ohne Marschierer? von Reinhard Zweigler

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Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg, Kassel,
Nürnberg, Stuttgart. In rund 80 Orten der Bundesrepublik gab es heuer
am Osterwochenende wiederum Demonstrationen für den Frieden, gegen
Krieg, Waffen, gegen Militär und massenhafte Gewalt. Die Orte des
Protests sind aus den letzten Jahren bekannt. Es sind die Straßen der
Städte und die Plätze vor Kasernen der Bundeswehr und der
US-Streitkräfte. Allerdings drängt sich angesichts der spärlichen
Teilnehmerzahlen die Frage auf: Ostermärsche – und (kaum) eine(r)
geht hin? Dass die traditionellen Friedensdemonstrationen zu den
Osterfeiertagen seit Jahren unter schwindender Resonanz leiden, hat
nicht nur mit dem teils kühlen und regnerischen Wetter in diesem Jahr
zu tun. Seit Jahren schon kommen zu den einst machtvollen Märschen
weniger Teilnehmer. Die Gründe für die um sich greifende
Demo-Müdigkeit sind vielfältig. Und sie haben ganz gewiss nichts mit
einer Friedensmüdigkeit der Menschen hierzulande zu tun. Wohl auch
nichts mit einer Demonstrations-Überdrüssigkeit der Deutschen. Wenn
etwa Tierschützer zum Protest gegen schlimme Zustände in der
Massentierhaltung aufrufen, sind rasch 50 000 Menschen auf den
Beinen. Und im Internet wird heftig über die lodernden Krisenherde
auf unserer Erde diskutiert, über den blutigen Syrien-Konflikt, über
mordende IS-Banden, über den Krieg in der Ost-Ukraine, das Pulverfass
Nahost und über internationales Eingreifen und deutsche
Waffenexporte. Es gäbe also genug heiße Eisen, an denen sich Protest
entzünden könnte. Tut er auch. Doch zugleich sind die jetzigen
Konflikte vertrackter, vielschichtiger als sie es zu Zeiten des
Kalten Krieges oder auch zu Anfang der 1990er Jahre und zu Beginn des
21. Jahrhunderts waren. Der deutschen Friedensbewegung, die in den
80er Jahren im Westen Hunderttausende Menschen im Protest gegen die
Raketen-Nachrüstung der Nato vereinte, fehlt heute erst recht ein
einfaches, griffiges, Schwarz-Weiß-Feindbild. In der DDR gab es zur
Zeit der großen Blockkonfrontation einerseits staatlich verordnete
Massenproteste gegen die Nato-Rüstung. Zugleich aber entwickelten
sich auch zahlreiche Friedensbewegungen von unten, etwa unter dem
Dach der Kirchen. Und die wollten sich nicht an das schlichte Motto
halten: Sowjetunion gut, der Westen aber böse. Und so wie die
Konflikte heute vielfältiger sind, haben auch die
Friedensdemonstranten vielschichtigere Motive. Und viele von einst
bleiben heute lieber zu Hause. Ein Teil der Demonstranten mag damit
kokettieren, dass sie als „Russland-Versteher“ Front gegen die
offizielle Berliner Regierungspolitik machen können. Dabei wollen sie
doch nur, dass man die Sicherheits-Interessen der einstigen
Supermacht im Osten berücksichtigt. Nichts anderes wollen übrigens
Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Andere Protestler wiederum
wenden sich mit dem radikal-pazifistischen Wort der früheren
Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner „Nie wieder Krieg“
gegen jedwedes militärisches Eingreifen, gegen jedwede
Waffenlieferungen und sonstige Unterstützung durch Deutschland und
die Verbündeten. Dafür wiederum steht die jetzige Bundesregierung in
Berlin. Und eine Mehrheit der Deutschen beurteilt diese Politik
äußerst kritisch. Man kann die diesjährigen Proteste der
Friedensaktivisten als blauäugig, realitätsfremd, ja
verantwortlungslos ablehnen, eines jedoch sollte man der zahlenmäßig
kleinen Schar der Ostermarschierer nicht absprechen: Ihre wirkliche
Sorge um den Frieden.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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