Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zur Verschwendung von Lebensmitteln

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Um sich die wahre Dimension des Wahnsinns
vorzustellen, den unsere Wegwerfgesellschaft Tag für Tag produziert,
muss man nur zwei Nachrichten miteinander in Verbindung bringen. Die
erste kommt von den Vereinten Nationen und dürfte vielen Europäern
den Appetit verschlagen: Zur Bekämpfung des Hungers in der Welt
empfehlen die UN-Fachleute den Menschen, künftig ihren Speiseplan mit
Insekten zu bereichern. Die zweite Nachricht stammt von deutschen
Experten: Sie besagt, dass allein in der Bundesrepublik jedes Jahr
bis zu 20 Millionen Tonnen oft völlig einwandfreier Lebensmittel
einfach auf den Müll geworfen werden. Wir sollen also künftig
Heuschrecken und Käfer vertilgen, obwohl ganze Berge von Obst, Gemüse
und Brot auf dem Abfall landen – in unserer Wohlstandsgesellschaft
spielt sich ein Irrsinn im XXL-Format ab. Die Tatsache, dass wir
ziemlich achtlos mit unserer Nahrung umgehen, ist nicht neu. Aktuell
wird jetzt wieder über dieses Thema diskutiert, weil ein
Dokumentarfilm mit aufrüttelnden Bildern die sattsamen Widersprüche
unserer Überflussrepublik sichtbar macht. Doch seit vielen Jahren
schon, vor allem wenn das Weihnachtsfest naht, prangern Politiker und
Geistliche unsere Verschwendungssucht an – völlig zu Recht angesichts
der zahllosen Hungernden in der Welt. Was viele Verbraucher dann aber
nicht daran hindert, den Festtagsbraten wieder eine Nummer zu groß zu
kaufen. Was davon übrigbleibt, landet später nicht selten im
Mülleimer. Mit dem Argument, man könne die Reste der Weihnachtsgans
ja nicht im Päckchen nach Afrika schicken, mag der eine oder andere
sein Gewissen beruhigen. Das funktioniert aber spätestens dann nicht
mehr, wenn man den wahren Preis für unsere Wegwerfgesellschaft
benennt. Diesen Preis bezahlen auch die Menschen in den Entwicklungs-
und Schwellenländern. Etwa dadurch, dass dort auf riesigen
Monokulturen Futtersoja für die industrielle Viehmast in den USA, in
Europa und zunehmend auch in Asien angebaut wird, um den wachsenden
Fleischhunger in den reichen Nationen zu stillen. In den armen
Ländern bekommen die Menschen das gleich doppelt auf schlimme Weise
zu spüren: Zum einen werden Kleinbauern und Selbstversorger von
nimmersatten Großgrundbesitzern kurzerhand versklavt oder von ihren
Feldern in die Slums der Städte verjagt. Zum anderen verschwinden
zunehmend die Ackerflächen für die Versorgung der eigenen
Bevölkerung, was dort die Nahrungsmittel dramatisch verteuert. Der
zweite Preis, den wir alle bezahlen, ist von moralischer Natur. Es
ist ein zum Himmel stinkender Skandal, dass wir mehr Lebensmittel
wegschmeißen oder vergammeln lassen, als nötig wäre, um alle Menschen
auf der Welt ausreichend zu ernähren. Dieser Wahnsinn hat Methode und
wird auch noch von der EU mit Steuergeldern subventioniert.
Tonnenweise landen Kartoffeln gleich vom Acker weg auf dem Müll, weil
sie ein paar Flecken haben. Und Gurken werden aussortiert, weil sie
nicht wie mit dem Lineal geradegezogen sind. Der Handel wiederum muss
Berge von Lebensmitteln aus dem Verkehr ziehen, weil sich die
Verbraucher den Supermarkt wie ein Schlaraffenland wünschen. Doch je
mehr verschiedene Produkte im Regal stehen, desto mehr wird letztlich
weggeworfen, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft. Es liegt
nicht nur in der Hand der Politiker, die Wegwerfgesellschaft auf den
Müll zu wünschen. Jeder Bürger kann seinen ganz persönlichen Beitrag
leisten, wenn er beim Einkaufen das Köpfchen einschaltet. Eine
Abstimmung per Einkaufswagen wirkt sich nämlich direkt auf das
Konsumangebot aus. Wenn wir uns aber nicht ändern, wird die Natur auf
ihre unerbittliche Art antworten. In gleichem Maße wie der Hunger auf
der Welt nehmen nämlich in den reichen Ländern lebensbedrohliche
Zivilisationskrankheiten wie Diabetes zu. So frisst sich die
Überflussgesellschaft dann tatsächlich zu Tode.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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