Mittelbayerische Zeitung: Nicht genial, sondern gefährlich / Donald Trumps „Ich“-Diplomatie erleidet in Nordkorea Schiffbruch. Eine durchdachte Strategie lässt sich nicht durch Vermessenheit ersetzen. Von Thomas Spang

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Zugegeben, die
„Hau-den-Trump“-Berichterstattung hat ihre Halbwertzeit erreicht.
Weil sie in der Regel wenig neue Erkenntnisse liefert, kommt sie
zuweilen daher wie ein Abdecker, der auf ein totes Pferd einprügelt.
Die intellektuelle Langeweile, die damit einhergeht, macht allerdings
das Gegenteil nicht richtig. Das ist der Irrtum, dem diejenigen
unterlagen, die in Trumps amateurhaften Außen- und Sicherheitspolitik
etwas Geniales zu entdecken vermochten. Ganz zu schweigen von denen,
die den selbst ernannten „Meister des Deals“ mit viel Wortgeklingel
zu einem kreativen Geist machten, der einer verstaubten Elite zeigt,
wie es wirklich geht. Donald Trump schaffte es, den Wunderglauben an
die magischen Künste seiner „Ich-Diplomatie“ über die Grenzen des
Kontinents hinaus zu verbreiten. Auch in Europa hofften am Ende nicht
wenige, der unkonventionelle Ansatz des Präsidenten habe geschafft,
was seine Vorgänger über 65 Jahre nicht vermochten. Die plötzliche
Absage des Gipfels entzaubert den zum „Hipster der Diplomatie“
verklärten Trump zu dem, was er schon immer war: Ein Blender und
Scharlatan, der seine Taktiken aus dem Sumpf der New Yorker
Baubranche in die große Politik überträgt. Das Muster lässt sich
inzwischen klar beschreiben. Trump schafft immer erst Bedingungen
oder stellt Forderungen, die so extrem daherkommen, dass sie Empörung
auslösen. Im Fall Nordkoreas drohte er „dem kleinen Raketenmann“ mit
der „totalen Zerstörung“, falls er seine Atomwaffen nicht aufgebe.
Dann ergreift er „überraschende“ Initiativen, die auf Moderation
hindeuten. Dazu gehört die Annahme der Idee eines Gipfeltreffens und
das öffentliche Bauchpinseln eines brutalen Diktators. Der nächste
Schritt hängt dann von der Reaktion ab. Fällt diese nicht wie
gewünscht aus, kommt der Rückzieher zur Ausgangsposition. Wobei sich
Trump stets eine Hintertür offenlässt. Das entspricht in diesem Fall
dem Absagebrief und die ambivalenten Äußerungen. Lenkt die andere
Seite dagegen weit genug ein, überschüttet sie Trump mit Lob und
feiert seinen Deal. Leider funktioniert Weltpolitik nicht wie die New
Yorker Bauwelt. Deshalb ist Trumps „Ich-Diplomatie“ auch nicht
genial, sondern schlicht vermessen. Ein Gipfel mit Kim hätte nach den
klassischen Regeln der Außenpolitik sonst am Ende eines sorgfältig
geplanten Verhandlungsprozesses gestanden, nicht am Anfang. Die
verächtlich zur Seite gestoßenen Experten hätten die Prämissen
solcher Verhandlungen richtig gesetzt. Dass Kim Jong-Un tatsächlich
die Atomwaffen aufgeben würde, die sein Regime gegen die Supermacht
immunisierten, glaubte kaum jemand, der nur rudimentär etwas von dem
Sicherheitsstreben der Kim-Dynastie versteht. Auf einer solchen
Grundlage konnten Verhandlungen deswegen auch keinen Erfolg haben.
Das Problem mit Trumps „Ich“-Diplomatie besteht darin, dass anders
als in der Immobilien-Welt nicht bloß ein Deal durchfällt. Der
Präsident steht in Nordkorea vor einem Scherbenhaufen, von dem er
sich nicht einfach weggehen kann. Hätte er die Profis rangelassen,
wäre genau diese Situation vermieden worden. So hat sich der
selbstherrliche Trump mit seinem amateurhaften Vorgehen in eine
Sackgasse manövriert, die eine Eskalation auf der koreanischen
Halbinsel wahrscheinlicher macht. Zumal er nun den „schwarzen Peter“
in der Hand hält. So langweilig es auch sein mag, darauf hinzuweisen:
Das ist das gefährliche Ergebnis, wenn Vermessenheit eine durchdachte
Strategie ersetzt.

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Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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