Riskanter Corona-Leichtsinn Die Zahl der Neuinfizierten in Bayern sinkt, die Sehnsucht nach einem normalen Leben wächst. Söder und Aiwanger verkörpern zwei gegensätzliche Pole. Von Christine Schröpf

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Die Corona-Lage im Freistaat beflügelt Leichtsinn: Die Zahl der Neuinfizierten bleibt trotz diverser Lockerungen niedrig. Gerichte kippten zentrale Verbote – vom anfänglichem 800-Quadratmeter-Limit im Handel über Wellness-Tabus in Hotels bis zur Sperrzeit-Vorgabe für die Gastronomie. Beim Mundschutz in Gotteshäusern hat die CSU vorsorglich selbst kapituliert, zumindest was die Tragepflichten in den Kirchenbänken anbelangt. Kritische Bürger bestärkt das in ihrem Misstrauen gegenüber strikten Corona-Regeln, die in Bayern den Stempel von Markus Söder tragen. Den Regierungschef bringt die Gesamtlage in die Bredouille: Er muss langsam lockern, ohne alles zu konterkarieren, was er bisher aus Überzeugung vertreten hat – das alles getrieben von Koalitionspartner Hubert Aiwanger (FW), der jedes Gerichtsurteil, das Regeln für ungültig erklärte, mit öffentlichem Frohlocken begleitete. Wer die Södersche Zwickmühle nun aber als Anlass nimmt, alles in Zweifel zu ziehen, was “von oben” verordnet worden ist, verfehlt den Kern des Problems. Nicht Söder, sondern im Grunde das Virus diktiert weiter Vorsicht und Wachsamkeit – egal, was staatlich verboten ist oder nicht. Die Richter entscheiden auch nicht als Virologen, sondern beurteilten, ob Einschränkungen gerecht und juristisch haltbar sind. So verständlich die Sehnsucht nach einem unbeschwerten Leben ist: Es funktioniert leider noch nicht. Man muss nicht ins Ausland schauen, wo das Virus weiter wütet und sich Figuren wie US-Präsident Donald Trump an einer kindisch-gefährlichen Vogel-Strauß-Politik versuchen. Es genügt ein genauer Blick auf Deutschland. Zwar ist die Republik dank starker Maßnahmen, eines guten Gesundheitssystems und großer Disziplin der Bürger trotz der rund 190 000 Infizierten und 8900 Toten im weltweiten Vergleich glimpflich davongekommen. Jetzt im Sommer ist ein schwächerer Verlauf zu verzeichnen. Aber auch hierzulande ist das Virus nicht weg. Die Ausbrüche in Fleischfabriken, nach Gottesdiensten oder Familienfeiern beweisen es. Bei aller Unterschiedlichkeit haben die Fälle einen gemeinsamen Nenner: Viele Menschen kamen für längere Zeit auf zu engem, geschlossenem Raum zusammen. Wer sich in Situationen dieser Art begibt, fährt erhöhtes Risiko. Unbestreitbar ist, dass die Gefahr durch drei simple Vorkehrungen minimiert wird. Sie lauten: Abstand halten, Hygieneregeln einhalten und Masken tragen. Wer selbst einfache Corona-Regeln in Frage stellt, muss eine eigene Risikoabschätzung treffen. Was kann man gegenüber anderen verantworten? Die Lösungswege werden stark persönlich geprägt sein. Corona legt offen, wie man gestrickt ist. Bei den einen überwiegt der Wunsch nach Sicherheit, bei den anderen dominiert die Freiheitsliebe. Beides ist legitim. Bei Söder zeigte der Kompass von Beginn an in Richtung Sicherheit. Aus gutem Grund. Als Regierungschef trägt er Verantwortung fürs Ganze, falls Leichtsinn schief geht. Ischgl war eine Lehre, auch das Oberpfälzer Starkbierfest. Viele von denen, die nach Lockerungen rufen, würden die Schuld auf den Staat schieben, wenn eine zweite Corona-Welle rollt. Zur Wahrheit zählt, dass die inzwischen höchst detailreichen Corona-Regelwerke selbst für Gutwillige verwirrend sind. In Bayern komplettiert das Hin und Her zwischen Söder und Aiwanger die Verwirrung. Der Freie-Wähler-Chef agiert zuallererst als Wirtschaftsminister. Das hat seine Berechtigung, weil die Lage in vielen Branchen desaströs ist. Bei Tönnies lernt man aber schmerzhaft, wie immens der Schaden bei einem unkontrollierten Corona-Ausbruch ist. So ist es höchst fragwürdig, dass Aiwanger – euphorisiert durch das Corona-Urteil zu Sperrstunden – sofort nach einem Oktoberfest light rief. Viele Menschen auf kleinem Areal in bierseliger Laune auf der bekanntesten Kontaktbörse der Welt sind ein ideales Corona-Biotop.

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