Schwäbische Zeitung: NS-Verbrechen verjähren nicht – Leitartikel

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Seit einigen Wochen sitzt der Aalener Bürger
Hans L. in Haft. Der heute 93-Jährige wird von der Staatsanwaltschaft
Stuttgart beschuldigt, sich als Mitglied der SS-Wachmannschaften im
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau des Mordes an Tausenden
schuldig gemacht zu haben. Ob man mit einem solch alten Mann wie L.
denn kein Mitleid haben könne, fragen manche Bürger und übersehen
dabei die Monstrosität der ihm zur Last gelegten Verbrechen. Ob der
Angeklagte das Ende des für den Herbst zu erwartenden Strafverfahrens
erleben wird, ist dabei von nachgeordneter Bedeutung. Wichtig ist
das Zeichen, das nach außen in die Welt wie nach innen gegeben wird:
dass eine bundesdeutsche Justiz, die sich nach 1945 häufig der
Verschleppung und Vertuschung schuldig gemacht hat, heute aktiv
Aufklärung betreibt und nun buchstäblich in letzter Minute versucht,
Schuldige an einem großen Verbrechen zu ermitteln.

Im Fall L. bleiben viele Fragen: Warum hat es so lange gedauert,
bis die Ermittlungen begannen? Warum konnte Hans L. aus den USA wegen
seiner Vergangenheit ausgewiesen werden, ohne dass die deutschen
Behörden hellhörig geworden wären? Wurde da vertuscht, geschützt,
weggeschaut? Heute sind Staatsanwälte bei der Arbeit, die sich sehr
wohl der Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland bewusst sind.
Sie ermitteln gegen Dutzende Männer, die in der
NS-Vernichtungsindustrie mitgewirkt haben. Sie gehen den Hinweisen
von Organisationen nach, die es sich zur Aufgabe gemacht haben,
Schuldige zu finden.

Das Verfahren gegen Männer wie Hans L. würdigt darum auch die
Millionen, die in den Konzentrationslagern von SS-Leuten ermordet
wurden. Ein Prozess gegen einen der noch lebenden SS-Männer holt
jenen Teil der deutschen Geschichte an die Oberfläche, der dieses
Land maßgeblich geprägt hat und der zwischen Eurokrise und
Wirtschaftswachstum gerne vergessen wird. Die deutsche Gegenwart wäre
ohne das mahnende Erinnern an die verbrecherische Geschichte des
Dritten Reiches unvollständig.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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