Streiten mit Sternchen/ Mit dem März kommt ein Monat, in dem Frauentag und Equal Pay Day den Fokus auf die Gleichstellung der Geschlechter richten werden. Welche Rolle spielt dabei die Sprache?

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Betrachtungen über eine gendergerechte Sprache mögen als Nebenschauplatz gelten, solange es Wichtigeres zu tun gibt. Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen – erst diese Woche Thema im Bundestag -, mehr Chancengleichheit, mehr Lohngerechtigkeit. Und doch ist es die Sprache, mit der wir unsere Positionen austauschen und um Argumente ringen. Je mehr weibliches Selbstbewusstsein die Welt verändert, desto mehr fällt auf, dass die Sprache dies nicht abbildet, im Gegenteil sogar ein längst überholtes Gesellschaftsbild mit ihren an der Dominanz der Männlichkeit orientierten Strukturen zu zementieren scheint. Das generische Maskulinum, also die Verwendung der männlichen Form stellvertretend für alle, ist grammatikalisch richtig, widerspricht aber einer Wirklichkeit, in der Frauen nicht mehr mitgemeint, sondern explizit angesprochen sein wollen. Im Ringen um die Sprache wird sichtbar, wo wir stehen auf dem Weg zu mehr Gendergerechtigkeit. Es ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Minenfeld.

Mitten hinein in dieses Minenfeld hat sich der Duden begeben. Seit Ende letzten Jahres überarbeitet die Redaktion Begriffe wie „Arzt, der“ und „Bäcker, der“. Es gibt nun auch eine „Ärztin, die“ oder eine „Bäckerin, die“, welche zuvor nur als Anhängsel neben der männlichen Form behandelt wurden. Auf die Verwendung der männlichen Form als generisches Maskulinum – etwa „Ich gehe zum Bäcker“ – verweist der Duden nunmehr in den Beispielen. Es hagelt Kritik. Der emeritierte Sprachprofessor Peter Eisenberg schreibt von „Sprachpolizei“ und „Manipulation“.

Tatsächlich kennen sich wenige Menschen so genau mit der deutschen Sprache aus wie der renommierte Linguist. Die Grammatik erscheint als eine Bibel, in Stein gemeißelt und ja, freilich auch schützenswert. Aus der normativen Warte heraus liegt der Fall ganz einfach: Das grammatikalische Geschlecht entspricht nicht automatisch dem tatsächlichen, Gendern ist damit unnötig und im konservativen Verständnis auch manchmal falsch.

Andererseits aber ist Sprache ein die Generationen, Geschlechter, Dialekte und sozialen Schichten übergreifendes Projekt, an dem sich in überwiegender Mehrheit Leute beteiligen, die nicht vom Fach sind, also Sprache nicht als Wissenschaft begreifen – Journalistinnen und Journalisten inbegriffen. Alle reden mit, alle verwenden sie nach ihrem Belieben – und alle verändern sie. Niemand, auch nicht der Duden oder der Rat für deutsche Rechtschreibung, ist Herrin oder Herr der Sprache. Wenn, dann sind es alle miteinander. „Wir bilden nur eine veränderte sprachliche Realität ab. Wir konstatieren dabei, dass es eine deutliche Entwicklung dahin gibt, die geschlechterübergreifende Form zu ersetzen“, sagte Duden-Chefredakteurin Kathrin Razum-Kunkel in einem Interview mir der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Aus der Rechtswissenschaft kennt man den Begriff der „normativen Kraft des Faktischen“, der von dem österreichischen Staatsrechtler Georg Jellinek geprägt wurde: Eine Norm verliere ihre Wirksamkeit, wenn sie lange nicht verwendet wird; andererseits könne aus dem Mehrheitsverhalten eine Norm resultieren. Eine Regel wird quasi der Realität angepasst. Das Prinzip lässt sich durchaus auf den Umgang mit Sprache anwenden. Wobei es gerade nicht darum gehen sollte, neue Normen aufzustellen, die eine „Sprachpolizei“ überwachen könnte, sondern eher darum, offen zu sein für Veränderungen.

Für junge Männer und Frauen gehört etwa das Gender-Sternchen bereits zum üblichen Schriftbild und die gekonnte Pause vorm „…innen“ zum Sprachbild. Ob es einem gefällt oder nicht: Es ist gut, dass in der Sprache mit der Verbesserung der weiblichen Position experimentiert wird. Und manchmal taucht dabei auch Verschüttgegangenes wieder auf. Wem „Gästin, die“ komisch vorkommt, dem sei gesagt: Die weibliche Form von Gast ist bereits im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch belegt.

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