Südwest Presse: Leitartikel: Hoeness

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Alles verspielt

Der morgige Abend sollte eigentlich der Auftakt zur Krönungsmesse
des Uli Hoeneß werden: der Vergleich mit dem besten Fußballklub der
vergangenen Jahre, dem FC Barcelona, im Halbfinale der Champions
League. Mit einem Sieg sollte endlich das manifestiert werden, woran
der Präsident des FC Bayern München seit Jahrzehnten mit verbissenem
Einsatz arbeitet: Dass die Bayern und nicht die Katalanen der beste
Fußballklub der Welt sind. Das Lebensziel eines Mannes, dessen Name
wie kein anderer mit dem sportlichen Erfolg des Rekordmeisters
verbunden ist. Der FC Bayern kann dieses Ziel morgen Abend noch
erreichen. Doch für den Ex-Nationalspieler wird dieses Fußballfest,
sollte er in der Münchner Allianz-Arena anwesend sein, zum
Spießrutenlauf. Denn Uli Hoeneß, der ehrgeizige und bisher untadelige
Metzgersohn aus Ulm, ist ein Steuerhinterzieher. Sollte sich der
bisherige Verdacht bestätigen, sogar einer der üblen Sorte. Einer
jener Herren, die in verschwiegenen Steuer-Oasen etliche Millionen
Euro am deutschen Fiskus vorbei bunkern. Die zum Schaden der
Gesellschaft dem Staat jenes Geld vorenthalten, mit dem Schulen,
Universitäten, Krippenplätze gebaut werden könnten. Warum macht uns
gerade der Fall dieser Sport-Legende so fassungslos? Warum gab es
diese Betroffenheit nicht etwa beim ehemaligen Postchef Klaus
Zumwinkel oder der Tennis-Größe Boris Becker? Was macht den Fall
Hoeneß anders? Einer der Schlüsselmomente zur Beantwortung dieser
Fragen liegt im September 2012. Damals diskutierte Uli Hoeneß – unter
anderem mit Edmund Stoiber und Hannelore Kraft – bei Günther Jauch
über Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Hoeneß, der über Jahre hinweg
ob seiner oft direkten und fast arroganten Art angefeindet wurde, als
moralische Instanz. So, wie er sich selbst stets gesehen hatte. Wie
immer sprach er gerade heraus, ohne Schnörkel. Staat und Wirtschaft
müssten die Ausgaben reduzieren, erklärte Hoeneß, und: „Ich habe in
meinem ganzen Leben noch kein Steuermodell gemacht. Ich verdiene
lieber das Doppelte.“ In diesem Moment verkörperte der 61-Jährige
alles, was in der Politik so oft schmerzlich vermisst wird:
Integrität, Gradlinigkeit, Authentizität. Auch im Geschäfts- und
Sportlerleben lebte Hoeneß diese Werte vor: Erkrankte Spieler wie
Sebastian Deisler oder alte Weggefährten wie Gerd Müller ließ der
Manager nie fallen, marode Bundesliga-Vereine wurden mit Bayern-Geld
wieder aufgepäppelt. Ein Image, das der Weltmeister von 1974
unwiderruflich verspielt hat. Egal, in welcher Größenordnung sich der
Steuerbetrug am Ende bewegen sollte: Den alten Uli Hoeneß, der zu
jedem Thema im deutschen Fußball und im politischen Deutschland eine
Meinung hatte und sie lauthals kundtat, wird es nicht mehr geben. Wie
sich die Affäre auf den FC Bayern auswirken wird, ist noch unklar.
Käme es zu einer strafrechtlichen Verurteilung, wäre Uli Hoeneß als
Bayern-Präsident nicht mehr haltbar. Politisch ist dieser Fall Wasser
auf die Mühlen der Opposition im Bund. Hoeneß– Kalkül, er könne durch
das Steuerabkommen mit der Schweiz unerkannt aus dem Schlamassel
herauskommen, haben sich zerschlagen. Mit eben jenem Argument, dass
Steuersünder bei Unterzeichnung des Abkommens straffrei davon kämen,
hatten SPD und Grüne es im Dezember abgelehnt. Der Fall gibt ihnen
Recht. Viel schwerer aber wiegt der moralische Schaden. Uli Hoeneß
auf einer Stufe mit den Tricksern und Bankrotteuren der
internationalen Fußballszene – das schadet der ganzen Branche, ja
sogar dem ganzen Land. Hoffentlich bleiben die Bayern sportlich
wenigstens sauber – und erfolgreich.

Pressekontakt:
Südwest Presse
Lothar Tolks
Telefon: 0731/156218

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