Weltdrogentag: Wie Drogenhilfe besser werden könnte

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Die Zahl der Drogentoten in Deutschland steigt – und damit auch die Zahl der Begleit- und Folgeerkrankungen wie Hepatitis C oder HIV. Doch woran liegt das und was lässt sich dagegen tun? Eine Spurensuche zum Weltdrogentag am 26. Juni.

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Eine zugedeckte Leiche, nur die Füße lugen unter dem weißen Leintuch hervor. Darüber der Spruch: „Drogen machen cool!“ Mit diesem Foto auf einem Bus der Fürther Verkehrsbetriebe warnt die dortige Polizei vor Drogenmissbrauch. Solche Warnungen wird es wieder viele geben am „Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr“ – so heißt der Weltdrogentag offiziell. Aber werden solche Mahnungen auch helfen? Dirk Schäffer, Referent Drogen und Strafvollzug bei der Deutschen Aidshilfe in Berlin, hat da so seine Zweifel. Er sagt: „Wir brauchen ein Hilfesystem, das nicht konterkariert wird durch Kriminalisierung und intensive Strafverfolgung von Konsument:innen, unabhängig von Menge und Substanz.“

Tatsächlich ist die Zahl der Drogentoten in den letzten Jahren wieder deutlich gestiegen: 2020 starben 1.581 Menschen infolge von Drogenkonsum – und damit 13 Prozent mehr als im Jahr davor. Mehr waren es zuletzt im Jahr 2001. „Dieser Anstieg in den letzten Jahren ist auch die Folge eines politischen Versagens“, so Schäffer, „der Markt wird mit billigen Substanzen überschwemmt – und das, obwohl es zuletzt in Deutschland jährlich rund 360.000 angezeigte Drogendelikte wegen Besitz, Erwerb und Handel mit Betäubungsmitteln gab. Das entspricht einer Verdopplung in den letzten zehn Jahren.“

Nun ließe sich einwenden, dass die Staatsanwaltschaften viele Verfahren einstellen, wenn es um geringe Mengen geht. Aber: „Auch, wenn nur ein Teil der Drogengebrauchenden vor Gericht landet – es gibt vorher oft eine Wohnungsdurchsuchung, es gibt Ärger mit Schule und Eltern, es gibt Probleme mit dem Führerschein“, sagt Schäffer, „mit der Folge, dass viele Menschen sich zurückziehen, ihren Konsum verheimlichen und viel zu spät Hilfsangebote in Anspruch nehmen.“

Erst die heimliche Drogenspritze, dann Hepatitis C

Das Leben unter ständigem Verfolgungsdruck trägt nach Schäffers Überzeugung sehr zu einem schlechten Gesundheitszustand fast aller Drogenanwender:innen bei. Viele leiden unter Infektionskrankheiten. „60 bis 70 Prozent derer, die intravenös Drogen konsumieren, sind chronisch mit Hepatitis C infiziert und die HIV-Infektionen durch den Konsum von Drogen steigen ebenso, wenn auch auf niedrigem Niveau“, weiß Schäffer. Jährlich werden nur rund 4.000 Drogenkonsument:innen wegen ihrer chronischen Hepatitis-C Infektion behandelt – deutlich zu wenig, um bis 2030 das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Bundesregierung ausgegebene Ziel zu erreichen, die Krankheit zu eliminieren.

Was aber kann und sollte getan werden, um die Zahl der Drogentoten zu reduzieren und das Risiko einer Hepatitis- oder HIV-Infektion für Drogenkonsumierende zu senken? Anstatt in erster Linie auf strafrechtliche Verfolgung zu bauen, empfiehlt Schäffer, mehr auf Hilfe und Prävention zu setzen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Substitutionsangebote: Speziell geschulte Ärzt:innen verschreiben einen Ersatzstoff für die bisher verwendeten Suchtmittel. „Zugleich ist Substitution das beste Setting zur Behandlung von Hepatitis C und anderen Infektionskrankheiten“, erklärt Dirk Schäffer – denn Substitutionsärzt:innen können parallel zur Behandlung der Suchterkrankung auch Medikamente verschreiben, mit denen sich das Hepatitis-C Virus, kurz HCV, innerhalb weniger Wochen eliminieren lässt. Die Erfolgsquote der HCV-Therapie liegt bei über 95 Prozent. Doch momentan vergehen im Durchschnitt zehn Jahre, bis Abhängige sich für die Substitution entscheiden.

Auch Olaf Ostermann von der Condrobs-Drogenhilfe betont den hohen Stellenwert der Substitution: „Sie verhindert Todesfälle, stabilisiert die Gesundheit und ist für Einige auch eine Chance, aus der Illegalität herauszukommen oder den Ausstieg zu schaffen.“ Derzeit befinde sich fast die Hälfte der 165.000 Opiatkonsument:innen in Deutschland in Substitution, was ein sehr guter und dennoch steigerungsfähiger Wert sei. Auch sonst gibt es viele gute Modellprojekte, darunter zum Beispiel die Condrobs-Kontaktläden, die Ostermann in München leitet, oder Beratungsangebote der Deutschen Aidshilfe.

Was „Drugchecking“ bringen könnte

Doch es müsste noch mehr getan werden: So setzt sich Dirk Schäffer für so genanntes „Drugchecking“ ein, also dafür, dass Drogengebrauchende, ihren Stoff auf Reinheitsgehalt und Verunreinigungen überprüfen lassen können – zum Beispiel im Nachtleben. „In anderen Ländern wird das erfolgreich praktiziert“, erklärt Schäffer, „nur bei uns gibt es diesen Reflex, das sei ein falsches Signal und würde Drogenkonsument:innen in falscher Sicherheit wiegen.“ Tatsache sei aber: Die Überprüfung führe bei unsauberen Stoffen dazu, dass sie vernichtet würden anstatt Menschenleben zu gefährden. Zudem gehörten auch Beratungsgespräche und Hilfsangebote zu diesem Programm. In Portugal und den Niederlanden gebe es Hilfsangebote statt Polizeieinsätze – und beide Länder hätten damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Ebenso wie Dirk Schäffer und die Deutsche Aidshilfe fordert auch Olaf Ostermann die flächendeckende Einrichtung von so genannten Drogenkonsumräumen. „Zumindest in großen Städten sollte man das machen“, so Ostermann, „denn diese Räume bieten einen sicheren Rahmen, verhindern Überdosierungen und Todesfälle – aber auch Infektionen mit HCV und HIV, weil sauberes Besteck verwendet wird.“ Der Versuch, einen Drogenkonsumraum in München einzurichten, scheiterte kürzlich am Widerstand der Bayerischen Staatsregierung. In anderen Städten gibt es dagegen solche Räume, in denen Drogen unter Aufsicht konsumiert werden können und wo auch Hilfsangebote vermittelt werden – etwa in Hamburg, Berlin, Frankfurt, aber auch in kleineren Städten wie Münster, Bochum oder Saarbrücken.

In den Kontaktläden von Condrobs gibt es zudem die Möglichkeit, sich auf Hepatitis C testen zu lassen. Das Problem dabei: „Es gibt Drogengebrauchende ohne Krankenversicherung, vor allem solche aus Osteuropa und Nicht-EU-Ländern – ihnen kann bei einem positiven Test keine medizinische Behandlung angeboten werden.“ Zwar gebe es in manchen Städten Hilfsfonds für solche Fälle, aber längst nicht überall. Trotzdem hält Ostermann die Tests für sinnvoll, „denn wir können den Betroffenen zumindest Hinweise geben, was sie tun können, um andere nicht anzustecken.“

Medizin und Sozialarbeit: Mehr Kooperationen, bitte

Ganz grundsätzlich plädieren Ostermann und Schäffer dafür, dass Mediziner:innen und Sozialarbeiter:innen bei der Versorgung von Menschen mit Suchterkrankungen besser zusammenarbeiten. „Das ist noch ausbaufähig“, so Olaf Ostermann, „da müssen beide Seiten noch Vorurteile und Ängste abbauen.“ Immerhin sei das Bewusstsein für mögliche Verbesserungen in den vergangenen Jahren bereits deutlich gestiegen. „Viele Mitarbeitende der Suchthilfe haben Hepatitis C und andere Infektionskrankheiten lange für ein rein medizinisches Problem gehalten.“ Doch in den vergangenen Jahren habe sich einiges getan und vielen Kolleg:innen sei klar geworden, dass es neben der eigentlichen Suchterkrankung noch Folge-Erkrankungen gibt, die man ebenfalls in den Blick nehmen muss. Und auch in der Ärzteschaft setze sich das Bewusstsein durch, dass Drogenkonsumierende an einer Suchterkrankung leiden, die ebenso wie andere Krankheiten behandelt werden sollte – auch, wenn diese Patient:innen oft nicht einfach zu therapieren sind.

Ostermann und Schäffer sind sich einig: Eine strafrechtliche Verfolgung von Cannabisnutzer:innen, aber auch von Heroingebrauchenden, sollte vermieden werden – denn nur so können all die genannten Angebote ihre Wirkung entfalten. Dirk Schäffer: „Support don´t Punish, also Hilfe statt Strafe, muss das veränderte Primat der Drogenpolitik lauten, um Menschen früh zu erreichen und Leben zu retten.“

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