Wir sind nicht machtlos / Bei steigenden Infektionszahlen hilft ein Ignorieren der Probleme nichts. Schwarmintelligenz kann einen harten Corona-Winter verhindern. Leitartikel von Christine Schröpf

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Obwohl es viele nicht wahr haben möchten: Corona wird uns in den nächsten Monaten erneut viele Beschränkungen aufzwingen. Die Ministerpräsidenten erweitern bereits die Klaviatur. Die gute Nachricht ist: Wie stark die Einschnitte wirklich ausfallen, haben die Bürger zum Großteil selbst in der Hand. Ein sehr strenger Corona-Winter lässt sich durch einen gemeinschaftlichen Kraftakt verhindern, man könnte auch sagen durch Schwarmintelligenz. Alles wird davon abhängen, ob viele ein paar einfache Schutzvorkehrungen einhalten oder lieber mit Karacho auf den nächsten Lockdown zusteuern. Die Warnsignale sind unübersehbar. In Tschechien, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ostbayern, vollzieht sich der Lockdown 2.0 bereits. Er ist passgenauer als im Frühjahr, aber trotzdem bitter: Die Schulen wechseln bis Anfang November in den Fernunterricht, Restaurants werden geschlossen, Kontaktregeln verschärft. Die EU-Agentur ECDC hatte zuletzt binnen 14 Tagen 493 Neuinfektionen pro 100000 Einwohner gemeldet. Auch in Frankreich spitzt sich die Lage stark zu. Die Niederlande haben einen Teil-Lockdown verkündet, zu dem zählt, Busse und Bahnen nur in dringenden Fällen zu nutzen. Wer glaubt angesichts dieser Lage ernsthaft, dass Deutschland mit einer Augen-zu-und-Durch-Strategie davonkommen könnte? Ohne verantwortungsvolles Gegensteuern sind wir auf dem gleichen Weg. Die 5000er-Marke bei den täglichen Neuinfektionen ist bereits geknackt. Der Chamer Landrat Franz Löffler gehört zu denen, die sich keine Illusionen machen, aber auch nicht die Waffen strecken. Mehrere tausend Tschechen pendeln täglich zum Arbeiten in seinen Landkreis ein. Damit sie möglichst kein Corona im Gepäck haben, müssen sie sich nun regelmäßig Tests unterziehen, können dafür kostenlos die Chamer Stationen nutzen. Das ist beispielhaft für andere Landkreise. Dabei spielt keine Rolle, ob die Pendlerzahl vier- oder dreistellig ist. Ein paar Superspreader genügen, damit neue Hotspots entstehen. Das Risiko besteht natürlich nicht nur bei Pendlern von woher auch immer, sondern generell. 20 Prozent der Infizierten sind nach Virologen-Einschätzung wohl für 80 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich. Auch hier gilt: Machtlos ist man nicht. Die simplen Regeln lauten: Maske aufsetzen, Abstand wahren, Hände waschen oder desinfizieren, zudem den tückischen Corona-Aerosolen mit Lüften den Garaus machen. Das ist manchmal unbequem. Die Alternativen sind aber weit unbequemer und greifen sehr viel stärker in Freiheitsrechte ein. Es vollzieht sich ja ohnehin bereits ein verdeckter kleiner Lockdown, der sich in vielfältiger Weise zeigt: Chronisch Kranke sperren sich wegen der wachsenden Risiken quasi selber weg. Auch ansonsten Kerngesunde wechseln dieser Tage schon bei leichten Erkältungssymptomen ärztlich empfohlen oder freiwillig in Kurzzeit-Quarantäne. Bei öffentlichen Veranstaltungen bleiben aus Sorge vor Ansteckungen Reihen leer. Die Jugendarbeit in Vereinen, Sportverbänden, Parteien und Pfarreien ist eingeschränkt. Das alles hat einen einzigen Grund: Das Virus braucht Kontakt, um sich weiterzuverbreiten. Auf diesem Fakt beruhen auch alle Regeln, die die Politik ersinnt. Alkoholverkaufsverbot ab 22 Uhr selbst in Restaurants? Beherbergungsverbote in Hotels für Gäste aus Hotspots? Nicht jede Maßnahme war zuletzt der Weisheit letzter Schluss. Wer auf staatliche Maßnahmen allergisch reagiert, muss sich aber klar machen: Sie sind umso nötiger, je weniger die Eigenverantwortung greift. Das Verhalten Unvernünftiger baden am Ende alle aus. Für eine Reihe von Unternehmen würde ein Lockdown 2.0 zum vernichtenden Schlag, der viele Arbeitsplätze kostet.

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