Demokratie ist kein Schaukelstuhl

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Der frühere SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Franz Müntefering hat auf dem Kongress des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) in Berlin mehr Klartext in der Politik gefordert. Allerdings müssten Politiker im Interesse der „Nachhaltigkeit von Wahrheit“ stets abwägen, welche Folgen ihr Klartext „morgen, übermorgen oder in zehn Jahren“ für Wirtschaft und Gesellschaft haben kann. Mit Blick auf die gegenwärtige Euro-Krise mahnte Müntefering, politische Wahrheiten seien immer „subjektiv“. Da es keine rundum zufrieden stellende Antwort gebe, sollten Bürger den Schlagabtausch um die besten Argumente als normales Stilmittel der politischen Auseinandersetzung akzeptieren. „Eine Demokratie ist kein Schaukelstuhl“, so Müntefering wörtlich.

Auf dem Kongress zum Thema „Klartext – Wie viel Wahrheit vertragen wir“ äußerte sich auch Dr. Michael Engelhard, ehemaliger Redenschreiber von Walter Scheel, Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Bürger erwarteten von der Politik „ein Gespräch und nicht zwei Monologe“. Die ständige Wiederholung von Argumentationsketten, die sich nicht berühren, mache Menschen verdrossen und lasse bei vielen die Hoffnung schwinden, dass am Ende vernünftige Kompromisse stünden, beklagte Engelhard. Der Journalist Jan Fleischhauer (Der Spiegel) nannte es in diesem Zusammenhang „bedenklich“, wenn Gruppierungen und Parteien im politischen Diskurs sich weigerten, die Meinungen und Überzeugungen anderer zu diskutieren.

Minimalanforderungen an eine Rede gerade im politischen Bereich formulierte der Philosoph und Präsident der Nationalen Ethikkommission der Schweiz, Prof. Dr. Otfried Höffe. Fragen der Medien und der Öffentlichkeit verlangten nach „verständlichen und einfachen Antworten, ohne dabei zu trivialisieren“. Höffe räumte aber wie Müntefering ein, dass die Rahmenbedingungen der Mediendemokratie den Hang zur Oberflächlichkeit verstärken: „Zur Politik gehört es heute auch, unter Zeitdruck oder mangels Expertise entscheiden zu müssen“, so Höffe.

Ähnlich äußerte sich der Kommunikationsberater und frühere hessische Regierungssprecher Dirk Metz. Politiker seien zu oft mit der Erwartung konfrontiert, jederzeit zu jedem Thema plausibel Stellung nehmen zu müssen. Natürlich müsse man dabei immer bei der Wahrheit bleiben. Allerdings riet Metz dazu, stets abzuwägen, „ob ich wirklich alles sage, was ich weiß“.

Die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek beschrieb das Spannungsverhältnis zwischen Klartext und Wahrheit am Beispiel ihrer Islamkritik. Trotz aller Rückschläge in der Annäherung unterschiedlicher Kulturen verteidige sie weiter „mit Klartext“ die liberale Haltung der westlichen Gesellschaft.

Es war der fünfte Kongress, den der VRdS seit seiner Gründung 1998 veranstaltet hat. Dem Verband gehören rund 450 Redenschreiber und Autoren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und aus dem deutschsprachigen Südtirol an. Sie liefern Redemanuskripte und Formulierungsvorschläge und beraten Redner in Politik und Wirtschaft sowie private Auftraggeber und ehrenamtliche Mandatsträger. Der VRdS setzt sich für eine systematische und fachgerechte Aus- und Fortbildung von Redenschreibern und für eine Verbesserung der Redekultur im deutschsprachigen Raum ein.

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