Ein „großer Wurf“ sieht anders aus/In der Pandemiebewältigung ist nichts so wichtig wie die Akzeptanz der Bürger. Bund und Länder haben gerade vorgemacht, wie man sie verspielt.

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Diese Woche sei es „noch kein großer Wurf“ gewesen, nächste Woche sei die „Woche der Entscheidung“. So fasste Bayerns Ministerpräsident die Bund-Länder-Beratungen über weitere Corona-Maßnahmen vom Montag knapp zusammen. Man könnte Markus Söders Aussage auch das komprimierte Eingeständnis eines krachenden Misserfolgs nennen. Denn das, was die 16 Länderchefs und die Bundeskanzlerin vorgestern präsentierten, war nicht mehr als das dünne Resultat aus dem Ruder gelaufener Gespräche. Nach rund fünfstündigen Beratungen stand kein neuer Beschluss zu den Kontaktbeschränkungen, keine schlüssige Strategie für die Schulen, nur erneute Mahnungen. Zurecht mussten sich die Regierungsspitzen die Frage gefallen lassen, warum man den „großen Wurf“ nicht schon in dieser Woche gewagt habe, wenn allen doch offenbar bewusst ist, dass es eben diesen brauchen wird. Eine überzeugende Antwort blieb die Runde schuldig.Stattdessen machten die Beteiligten selbst keinen Hehl aus ihrem Missmut. Nur: Mit missmutiger Kommunikation wird man die Pandemie nicht erfolgreich bewältigen. Nach gut acht Corona-Monaten sollte den Regierenden bewusst sein, dass für das Krisenmanagement nichts so wichtig ist wie die Akzeptanz der Bevölkerung. Keine Mahnung wird auf fruchtbaren Boden fallen, wenn sie den Menschen nicht einleuchtet. Jede Regel wird Gegenwind ernten, wenn sie nicht schlüssig erklärt ist. Bei vielen Bürgern macht sich Ungeduld über die Beschränkungen breit. Die Corona-Demos wie am Samstag in Regensburg sind nur der lauteste Ausdruck einer wachsenden Unruhe in Teilen der Bevölkerung. Das sollte nicht außer Acht geraten. Deswegen sind immer wieder transparente Erklärungen, Überzeugungsarbeit und ein Werben auf Augenhöhe notwendig – auch nach zähen Gesprächen.Dabei hatten die Länderchefs und die Kanzlerin Ende Oktober vorgemacht, dass sie zu mehr Entschlossenheit und Einigkeit durchaus in der Lage sind. Damals wurde der „Lockdown light“ beschlossen, der die zweite Corona-Welle brechen soll und vorerst bis Ende November gilt. Vorerst. Das Ziel von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Menschen innerhalb einer Woche liegt noch in weiter Ferne. Der „große Wurf“, den Söder für den nächsten Bund-Länder-Termin am kommenden Mittwoch angekündigt hat, wird daher bestimmt keine neuen Lockerungen bedeuten. Wenn die Infektionszahlen bis dahin nicht drastisch abfallen, darf man sich auf eine Lockdown-Verlängerung und weitere Verschärfungen einstellen. Auch das gehört zur ehrlichen Kommunikation.Dabei gibt es vor allem zwei große Knackpunkte: der Privatbereich und die Schulen. Im Privaten sind verbindliche Auflagen freilich heikel. Denn mit jeder neuen Regel stellt sich die Frage nach deren Durchsetzung. Kontrollen etwa durch Polizei oder Ordnungsamt soll und darf es im privaten Umfeld nicht geben. Umso wichtiger ist also eine schlüssige Kommunikationsstrategie – und die Einsicht der Bürger, die eigenen Kontakte weiter reduzieren zu müssen. So schwer das auch fällt. Bei den Schulen allerdings kann es weitere verbindliche Regeln geben, etwa ab einer bestimmten Inzidenz eine Maskenpflicht im Unterricht und in den Pausen. Natürlich müssen auch hier alle Beschlüsse in der Praxis umsetzbar und für die Betroffenen nachvollziehbar sein. Bisherige Vorstöße lassen aber zu wünschen übrig: Kinder sollen sich nur noch mit einer Freundin oder einem Freund treffen dürfen, während sie am Vormittag mit der gesamten Klasse in einem Raum verbringen. Solchen Ideen kann keiner mehr folgen.Wollen Bund und Länder die Akzeptanz der Bevölkerung und die eigene Glaubwürdigkeit nicht verspielen, müssen sie auch eine Krisenkommunikation unter Beweis stellen, dass sie zu überzeugenden Schritten in der Lage sind. Diese Woche haben sie nur gezeigt, wie es nicht geht.

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