Westdeutsche Zeitung: Kommentar von Juliane Kinast zum Alt-Diesel-Problem: Mit Geduld oder Gewalt

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Man hätte meinen sollen, spätestens, nachdem
das Bundesverwaltungsgericht vor anderthalb Jahren den rechtlichen
Weg für Fahrverbote frei gemacht hatte, verschwänden die alten
Dieselfahrzeuge mit Vollgas zumindest von den Straßen der
Problemstädte. Doch wer in der Politik glaubte, mit viel Geklapper
aus Drohkulisse einserseits und Umtauschprämie andererseits schon
einen ausreichenden Effekt zu erzielen, die Luft in den Städten
reiner zu machen, sich die Umwelthilfe und allen rechtlichen Zwist
vom Hals schaffen zu können, der muss jetzt enttäuscht sein.

Was man offensichtlich geschafft hat, ist, den Deutschen den
Diesel generell ein bisschen madig zu machen. Lagen Benziner und
Diesel vor fünf Jahren bei den Neuzulassungen in Deutschland noch
fast gleichauf, klafft zwischen ihnen jetzt eine Lücke von mehr als
einer Million. Das ist deutlich. Einem Düsseldorfer Kollegen ging
neulich das alte Dieselauto kaputt – statt das teuer reparieren zu
lassen, nutzte er die Gelegenheit und stieg um auf einen Benziner.
Denn wer könne schon wissen, ob die Politik nicht in ein, zwei Jahren
auf den Trichter kommt, dass auch Euro 6-Diesel durchaus in
beachtlichem Ausmaß Stickoxid in die Luft blasen? Sicher ist sicher.

Ganz anders hat es eine Kölner Bekannte gemacht, die mitten in der
potenziellen Fahrverbotszone lebt, sich in der vergangenen Woche aber
einen gebrauchten Euro 4-Diesel zulegte. Sie spekuliert voll
und ganz darauf, dass es beim politischen Klappern bleibt – und wenn
man derzeit in der Region Düsseldorf, Köln, Wuppertal ein günstiges
Auto zum Kauf sucht, landet man nun einmal rasch beim Diesel. Die
Drohung, jene älteren Fahrzeuge womöglich auszusperren, hat derart
auf deren Marktwert gedrückt, dass es ihnen beim geldbewussten Käufer
einen Wettbewerbsvorteil verschafft hat.

So spekuliert die Kölnerin darauf, dass das Verbot nie kommt und
sie letztlich mit einem Schnäppchen da steht. Und so halten es ganz
offensichtlich viele Autofahrer. In Düsseldorf fahren laut
Kraftfahrt-Bundesamt noch immer 55 433 Euro 1- bis
Euro 5-Diesel, in Wuppertal 35 012. Das ist nicht wenig.
Aber: Die Zahl sinkt kontinuierlich und durchaus nennenswert: In
Düsseldorf gab es etwa vor zwei Jahren noch über 80 000 dieser
Dieselfahrzeuge, in Wuppertal 39 000, vor fünf Jahren mehr als
105 000 beziehungsweise fast 42 000. Für die Entscheider
bedeutet das: Entweder setzt man mit etwas Geduld darauf, dass die
Zeit das Problem erledigt, oder man macht Nägel mit Köpfen und sperrt
die Alt-Diesel tatsächlich aus. Dann einmal durchatmen – und schauen,
ob das in den Innenstädten wirklich besser geht.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
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