neues deutschland: Wenn Arbeit die Seele frisst / Ulrike Henningüber immer mehr Fehltage auf Grund psychischer Belastungen

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Seelische Leiden sind Volkskrankheiten – mit jedem Fehltagsreport
einer beliebigen Krankenkasse, mit jedem Psychiatriekongress wird es deutlicher.
Depressionen stehen nach der Zahl der verursachten Krankentage an der Spitze.
Jede neue Rekordzahl könnte ein Anlass sein, die Arbeits- und Lebensweise in
dieser Gesellschaft zu hinterfragen. Eine eindeutige Stressquelle für die
meisten Menschen in diesem Land dürfte die Arbeit sein – Arbeit in jeder
Beziehung: ihre Hierarchien, Dauer, Überstunden, Pausen,
Mitsprachemöglichkeiten, die Gestaltung des Arbeitsplatzes, eine angemessene
Vergütung. Dazu gehört die Frage, wie weit sich Menschen verbiegen müssen, um
ihre Arbeit zu behalten oder überhaupt entlohnte Arbeit zu finden. Bis hin zu
den Gründen, warum Lohnarbeit unverzichtbar erscheint: Nicht nur die Wohnung
muss schließlich finanziert werden. Gute Arbeit hat demnach weniger mit
medizinisch-therapeutischen Angeboten und Lösungen zu tun, sondern eher mit
gesellschaftlichen, darunter gewerkschaftlichen. Dennoch brauchen Menschen, die
mit zunehmenden Stress weniger gut zurecht kommen, mehr Möglichkeiten, ihre
seelische Gesundheit zu schützen. Das Gesundheitssystem ist dafür noch nicht
ausreichend gut aufgestellt, die Wartezeiten für Psychotherapien dauern zu
lange, die jahrelange Einnahme von Psychopharmaka ist oft nur eine Scheinlösung
mit häufig dramatischen Nebenwirkungen.

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